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Verein für Erziehungshilfe und sozialraumorientierte Jugendarbeit

 

Stefan Widakovich

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Lebensweltorientierte Soziale Arbeit

 

Lebensweltorientierte Soziale Arbeit wird als ein Titel für Konturen der Sozialen Arbeit verstanden, wie sie sich im Laufe der letzten 30 Jahre entwickelt haben.

Lebensweltorientierung stellt also einen Rahmen für Intentionen der Sozialen Arbeit dar (vgl. Thiersch 1986, 1992).

Lebensweltorientierung hat ihren Niederschlag z. B. im 8. deutschen Jugendbericht (BMJFFG 1990) aber auch im KJHG gefunden.

Lebensweltorientierung verbindet die Analyse von spezifischen  Lebensverhältnissen mit pädagogischen Konsequenzen.

Sie betont – in der Abkehr von traditionell defizitärem und individualisierendem Blick auf soziale Probleme – das Zusammenspiel von Problemen und Möglichkeiten, von Stärken und Schwächen im sozialen Feld und gewinnt daraus das Handlungsrepertoire zwischen Vertrauen, Niedrigschwelligkeit, Zugangsmöglichkeiten und gemeinsamen Konstruktionen von Hilfsentwürfen.

Das Handlungsrepertoire liegt auf der Skala zwischen einem Akzeptieren der vorgefundenen Lebensentwürfe auf der einen Seite und dem Sich-Einmischen in Verhältnisse auf der anderen Seite.

Thiersch spricht von einem „Dilemma der Sozialen Arbeit“ (Thiersch 2012), das darin bestünde, dass sie selbst als Profession dringend Zeit und Kraft bräuchte, um ihre eigenen Konzepte und Grundlagen neu zu durchdenken und neu zu beleben, dass sie aber daran gehindert würde durch die dringende Notwendigkeit, sich stattdessen gegen die „Erneuerungszumutungen“ der neoliberalen Sozialpolitik und ihren Auswirkungen auf die gegenwärtige Soziale Arbeit zu wehren.

So formuliert Nodes (2012): Es muss „neben der Rücknahme von Kürzungen und einer besseren Finanzierung der Kommunen darum gehen, Soziale Arbeit als Arbeit mit und in Beziehungen zu Menschen zu verteidigen. Wir müssen verdeutlichen, dass sich die Situation unserer Klientel nicht mit der Ausstellung von Rezepten (à la 10 Sitzungen ‚Sozialgymnastik‘) verbessern lässt, sondern es einer Beziehungsarbeit mit festen Ansprechpartnern bedarf, die vermittelnd, begleitend, weitere Hilfen anbietend, usw. tätig werden.

Die Steuerung der Jugendhilfe muss dialogisch erfolgen, die Sozialarbeitenden benötigen dafür mehr Steuerungskompetenz (und nicht weniger) in einem Umfeld von Hilfeanbietern, deren Arbeitsbeziehung nicht durch ökonomische Konkurrenz geprägt ist. Maßstab muss wieder die Parteinahme für die Rechte von Kindern und Jugendlichen werden (Nodes 2012).

 

In fachlichen Kreisen spielt seit vielen Jahren die zu Recht geäußerte Kritik daran, dass heute Lebensweltorientierung mangelhaft ausgeprägt ist und oft nur oberflächlich verstanden wird, eine Rolle und damit einhergehend auch die Kritik an einer oft unzureichenden Berücksichtigung der sozialen Lebensräume der Menschen.

Diese Kritik richtet sich dabei oft an die Ansätze der Einzelfallarbeit, der eine Individualisierung gesellschaftlich bedingter Problemlagen vorgeworfen wird.

Diese fachinterne Kritik hat nach Bingel (2013) einen spezifischen Hintergrund.

Folgt man ihren Aussagen, so besteht innerhalb der Disziplin Soziale Arbeit gerade bei ihren gesellschaftskritisch eingestellten VertreterInnen eine Tendenz, sich mit der Frage auseinanderzusetzen,

ob und wie Soziale Arbeit dazu beitragen könne, die soziale Ungerechtigkeit der Gesellschaft zu beseitigen oder wenigstens abzuschwächen, d.h. in diesem Sinne politisch wirksam zu werden. Hier tun sich aber unauflösbare Widersprüche auf: „In dem Versuch, sich auf das Soziale hin zu orientieren, gerät Soziale Arbeit in den Konflikt, dass sie auf eine Struktur der Gesellschaft stößt, die – in ihrer Sicht – inakzeptable Differenzen, Ungerechtigkeit und Unsoziales reproduziert“ (Bingel 2013, 205).

Das ist kein Wunder bei einer Profession, der im Wesentlichen die Aufgabe zu Teil wird, sich mit den

Folgen der wirtschaftlichen und sozialen Risiken unserer Gesellschaft abzumühen, insbesondere mit der Armut und den Folgen der ungleichen Lebensbedingungen, ohne dass sie aber von den herrschenden Kräften dieser Gesellschaft im Rahmen politischer Planungen und Entscheidungen ins Boot geholt wird.

Viele finden sich mit dieser Diskrepanz nicht ab. Immer wieder gibt es konzeptionelle und praktische Vorstöße, die sozialpolitische Gestaltungskraft der Sozialen Arbeit doch unter Beweis zu stellen. Der vor allem innerhalb der Disziplin Soziale Arbeit diskutierte Anspruch an die eigene sozialpolitische Wirksamkeit und Gestaltungsmacht kann auch als Versuch einer Legitimation gelten oder als Wunsch nach politischem Einfluss verstanden werden.

Und sicherlich geht er bei mancher VertreterIn der Profession tatsächlich auch auf den Wunsch zurück, Gesellschaft gerechter gestalten zu wollen.

Wichtig ist in unserem Kontext dabei die Tatsache, dass man glaubt, Soziale Arbeit könne diesen Anspruch, wenn, dann nur über ihre strukturellen, sozialräumlichen Handlungskonzepte einlösen. Man unterstellt, dass eine solche Wirkung im Rahmen von Einzelfallarbeit ausgeschlossen sei, da hier die Individualisierung gesellschaftlicher Probleme unvermeidbar sei.

Viele VertreterInnen der Disziplin, aber auch der Praxis zeigen sich von dem Ansatz der Sozialraumorientierung begeistert. Kleve (2010, 20) spricht vom „Zauberbegriff“ der Sozialraumorientierung. Die Sozialraumorientierung, auf die sich die Politik in ihren Weiterentwicklungs- und Steuerungsvorschlägen

bezieht, ist mit Versprechungen aufgeladen, die diese Hoffnung auf politische Bedeutung und Wirksamkeit nähren. An diese alten Hoffnungen und Vorstellungen in der Disziplin knüpft die neoliberale Sozialpolitik

mit ihrer Argumentation für eine „Weiterentwicklung und Steuerung der Hilfen zur Erziehung“ an. Das eigentliche Ziel der Politik im Kontext der Weiterentwicklungs- und Steuerungsdebatte ist jedoch vor allem anderen das Zurückdrängen der kostenstarken Hilfe zur Erziehung (s.u.). Da kommt es gelegen, dass Teile der Disziplin Soziale Arbeit selbst die Hilfen zu Erziehung, insbesondere die ambulanten Hilfen und die individuellen Beratungsansätze, problematisch finden, weil sie die oben genannte Hoffnung auf politische

Wirksamkeit angeblich nicht bedienen können.

Geschickt wird im Rahmen der Umsteuerungsdebatte mit diesen Unstimmigkeiten innerhalb des Diskurses der Sozialen Arbeit „gespielt“.

Jenseits der konkreten politischen und fachpolitischen Bedeutung dieser Auseinandersetzung berührt die Debatte um die „Weiterentwicklung der „Hilfe zur Erziehung“ also eine disziplinäre Thematik, die dringend aus fachlicher Sicht diskutiert werden müsste, statt sie politisch und finanzpolitisch von außen zu entscheiden: Was sind die Aufgaben der Sozialen Arbeit?

Hat sie andere und mehr Aufgaben als diejenige, Menschen für das politische und wirtschaftliche System anzupassen und fit zu machen?

Wie legitimiert sie sich selbst?

Hat sie ein eigenes Mandat zur Parteilichkeit für Menschen, die innerhalb unserer Gesellschaft sozial benachteiligt werden?

Hat sie die Funktion, bestehende Verhältnisse zu kritisieren und deren Veränderung anzustreben und einzufordern?

 

 

Selbstverständnis Sozialer Arbeit im Kontext der „Sozialen Frage“*

* Der Begriff „Soziale Frage“ bezeichnete ursprünglich die Auseinandersetzung mit den

sozialen Missständen, die mit der Industriellen Revolution einhergingen. Im weiteren geschichtlichen

Verlauf des Kapitalismus wurde damit das Anwachsen von Lebensproblemen

der Menschen im Kapitalismus bezeichnet. In Deutschland u.a. westlichen Industrienationen

führten die drängenden Probleme zu einer vielfältigen gesellschaftlichen Mobilisierung und

Politisierung, die je nach sozialer Interessenlage und Sicht in den verschiedenen Epochen

des Kapitalismus unterschiedliche Lösungsansätze hervorbrachten. Mit dem Sozialstaat, der

seinerseits eine Antwort auf die Soziale Frage seiner Zeit war, hat sich diese Frage nicht erledigt,

vielmehr ist festzuhalten, dass sich auch hier neue Formen der strukturellen Armut

und Ausgrenzung ergeben haben.

 

Einen Blick auf den innerdisziplinären Hintergrund der Erwartung bzw. Hoffnung auf gesellschaftliche Wirksamkeit Sozialer Arbeit.

 

Gesellschaftliche Funktion der Sozialen Arbeit

Ausgangspunkte für die Entwicklung der Sozialen Arbeit waren historisch gesehen und sind auch heute vor allem das gesellschaftliche Phänomen Armut bzw. die gesellschaftliche Ungleichheit.

Bingel stellt fest: „Es gehört zum widersprüchlichen Entstehungszusammenhang Sozialer Arbeit, dass sie ihre Entwicklung als gesellschaftlich-funktionales Handlungsfeld den wirtschaftlichen und sozialen Risiken der Industrialisierung ‚verdankt“, insbesondere den Folgen von Armut und ungleichen Lebensbedingungen“ (Bingel

2013, 14).

Soziale Arbeit soll die Kollateralschäden lindern und erträglicher machen, die das kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem bei den Menschen hinterlässt, damit diese Menschen arbeitsfähig und damit für das

System nützlich bleiben bzw. werden.

Man spricht in diesem Kontext vom systemischen Mandat (vgl. Böhnisch 1973). Dieses Mandat des Systems

enthält aber keineswegs den Auftrag, etwas zur Veränderung der zugrunde liegenden gesellschaftlichen Strukturen beizutragen (vgl. Bingel 2013). Erwartet wird bestenfalls, dass die Soziale Arbeit die unmittelbaren Strukturen der Lebenswelten so mitbeeinflusst, dass das persönliche Leiden der Menschen aufgefangen werden kann, um ihre Arbeitsfähigkeit zu sichern.

Diesen systemimmanenten Auftrag der Linderung und des strukturellen Abfederns der gesellschaftlichen Problemlagen kann die Soziale Arbeit nicht verweigern: Sie ist selbst Teil der herrschenden Sozialpolitik und außerdem auf eine Finanzierung aus Steuermitteln angewiesen. Würden ihre KlientInnen als „Kunden“ selbst die Leistungen der Sozialen Arbeit bezahlen (können), wäre sie nicht mehr Soziale Arbeit. Denn sie richtet sich traditionell und in Übereinstimmung mit ihrem oben genannten gesellschaftlichen Auftrag bis heute schwerpunktmäßig an den Teil der Bevölkerung, der am stärksten von gesellschaftlichen Verwerfungen betroffen ist und in der Regel nicht über hinreichende Mittel verfügt.

Man muss an dieser Stelle also nüchtern festhalten: Anpassen, benachteiligte Menschen von den ursächlichen gesellschaftlichen Problemen ablenken, Menschen befrieden, ihre Probleme irgendwie händeln, ohne aber deswegen großen Aufruhr zu veranstalten, das sind nach wie vor die Funktionen der Sozialen Arbeit, die ihr staatlicherseits, also vom System her zugewiesen werden.

Diese Funktionszuweisung durch das System und die herrschende Politik betrifft die Einzelfallarbeit, sowie jede Gemeinwesenarbeit oder Sozialraumorientierung. Soziale Arbeit ist zumindest zu einem Teil immer ein Anpassungsinstrument des Systems. Heute sieht diese Anpassung anders aus, erfüllt aber genauso diese systemerhaltende Funktion wie in ihren früheren Varianten.

Stövesand stellt fest: „Heutzutage, so könnte man es sehen, sind vor allem SozialarbeiterInnen dafür zuständig, Menschen darin zu unterstützen, sich selbst zu regieren (Aktivierung, Bewusstwerdung, Empowerment) und der Entstehung ‚des Bösen‘, sprich, von Problemlagen, wie z.B. der Drogensucht schon im Vorfeld zu begegnen (Prävention). Damit kommen die Individuen gleichzeitig ihren BürgerInnenpflichten nach, dienen

dem Gemeinwohl und entlasten den Staat (Stichwort: Selbstverantwortung)“ (Stövesand 2007).

Die grundsätzliche Anpassungsfunktion der Sozialen Arbeit zu leugnen, würde bedeuten, ihr die gesellschaftlich-staatlich definierte Legitimation zu nehmen.

 

Suche der Profession nach einer eigenen Legitimation

Wer Soziale Arbeit aufgrund dieser Tatsache sozusagen aus politischen Gründen meint ablehnen zu müssen, stellt sie grundsätzlich infrage und müsste ihre Ausübung konsequenter Weise verweigern. Steht man jedoch zu

Disziplin und Profession der Sozialen Arbeit, so gilt es zu akzeptieren, dass „wir selbst innerhalb der Machtprozesse enthalten sind“ (vgl. Stövesand 2007).

Stövesand bezieht sich hier auf Foucault: „Die Machtverhältnisse sind den Subjekten nicht äußerlich. Wir sind von ihnen durchzogen. Wir gestalten sie aktiv mit und sind somit Teil dieser Verhältnisse. Das heißt, es gibt kein

Außerhalb oder Jenseits der Verhältnisse“ (Foucault 1987).

Das aber bedeutet nicht, dass SozialarbeiterInnen etwa keinerlei Spielräume hätten für eine Soziale Arbeit, die für Menschen und nicht gegen sie arbeitet (vgl. z.B. Scherr 2012, 109).

Ohne Frage haftet dem Anpassungsauftrag bzw. der unvermeidbaren Anpassungsfunktion etwas Degradierendes an. Man fühlt sich als Profession in den Dienst genommen und zu einer Arbeit verpflichtet, die der des altgriechischen Sisyphos ähnelt:

Man beseitigt Folgen von gesellschaftlichen Problemen, deren Ursachen aber nicht abgestellt werden.

Soziale Arbeit muss sich um menschliche Not und menschliche Benachteiligungen kümmern, aber sie weiß, dass sie immer wieder entstehen, ohne absehbares Ende. Es genügt einem großen Teil ihrer ProtagonistInnen

nicht, auf die systemstützende Anpassungsfunktion festgelegt zu werden und damit ausschließlich die ihr zugewiesene „Sisyphusarbeit“ zu erledigen.

Disziplin und Praxis der Sozialen Arbeit haben angesichts dieses Dilemmas immer wieder versucht, aus ihrer professionellen Ethik und aus ihrer Wissenschaftlichkeit heraus, für sich eine eigene Legitimation und einen anderen Auftrag zu entwickeln. Sie versuchen, Wege zu finden, wie sie Einfluss auf die soziale Lage der von ihnen betreuten Menschen gewinnen und wie sie zur Veränderung der grundlegenden gesellschaftlichen Problemlagen beitragen könnten.

Die Disziplin spricht vom Mandat, das sie durch ihre Klientel selbst erhält (vgl. z.B. Schütze 1997), von Parteilichkeit für die benachteiligten Menschen, von einer Orientierung an ethischen Werten und ihrer autonomen Fachlichkeit (vgl. Tripelmandat; Staub-Bernasconi 2007).

Deutlich wird der Versuch, Sozialer Arbeit eine eigene, nicht auf das systemische Mandat begrenzte Legitimation zu verleihen beispielsweise in der Definition des IFSW (International Federation of Social Workers): „Soziale Arbeit ist eine Profession, die sozialen Wandel, Problemlösungen in menschlichen

Beziehungen sowie Ermächtigung und Befriedigung von Menschen fördert, um ihr Wohlbefinden zu verbessern. Indem sie sich auf Theorien menschlichen Verhaltens sowie sozialer Systeme als Erklärungsbasis stützt,

interveniert Soziale Arbeit im Schnittpunkt zwischen Individuum und Umwelt/Gesellschaft.

Dabei sind die Prinzipien der Menschenrechte und sozialer Gerechtigkeit für die Soziale Arbeit von fundamentaler Bedeutung“ (vgl. IFSW 2002).

Mit dieser eigenständigen, relativ systemunabhängigen bzw. -kritischen Legitimation Sozialer Arbeit stellt die Profession das alleinige Mandat des Staates und seinen Auftrag infrage. Die VertreterInnen der Profession

sehen sich zum einen als KritikerInnen der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse (vgl. Mollenhauer 1991) und beanspruchen zum anderen für sich Möglichkeiten sozialpolitischer Wirksamkeit. Hier mischen sich

ethische und professionspolitische Vorstellungen und Ansprüche. Man kann von einem für sich selbst erkannten und auch bejahten „politischen Mandat“ Sozialer Arbeit sprechen, das sich z.B. in eben jenem Anspruch auf Gestaltungsmacht ausdrückt.

 

Wunsch nach sozialpolitischer Wirksamkeit Sozialer Arbeit

Klar ist aber auch, dass eine wirkliche Veränderung der gesellschaftlichen Grundlagen von Armut und Ungleichheit nicht erwartet werden kann (vgl.auch Scherr 2012, 110) und dass auch die Gesellschaft selbst nicht wirklich bereit ist, etwas Grundlegendes zur Veränderung zu tun.

Bingel bemerkt: „Und sie [die Soziale Arbeit; Anm. d. Verf.] ist damit konfrontiert, dass Gerechtigkeit

etc. durchaus zum sozialpolitischen und sozialwissenschaftlichen Diskursrepertoire gehört, gleichzeitig aber Gerechtigkeitsprinzipien oder soziale Integration gesellschaftlich nicht realisiert werden können“ (Bingel

2012, 205). Bezugnehmend auf Simmel erinnert Bingel daran, dass der kapitalistische Staat, auch der Sozialstaat, gar nicht daran denke, die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft abzuschaffen und es schon

von daher nicht im Wirkungshorizont Sozialer Arbeit liegen könne, das ihrerseits zu forcieren. „Kein staatlicher oder quasi-staatlicher Anstellungsträger (z.B. Wohlfahrtsverband) wird die Arbeitskraft eines Gemeinwesen Arbeiters kaufen, damit dieser die Bevölkerung politisch gegen den Staat und damit gegen seinen Anstellungsträger organisiert“, bemerkten schon 1974 MitarbeiterInnen der Victor- Gollancz- Stiftung.

Soziale Arbeit stößt hier auf einen unauflösbaren Widerspruch, der darin begründet liegt, dass sie sich als politisch wirksame und kritische Kraft verstehen möchte, gleichzeitig aber selbst Teil der herrschenden Sozialpolitik ist.

Der Anspruch oder zumindest die Hoffnung auf soziale Wirksamkeit der Sozialen Arbeit und Versuche, diese im Rahmen der Konzepte Sozialer Arbeit umzusetzen, haben ungeachtet solcher Erkenntnisse immer bestanden.

Dabei wurde der Anspruch, gesellschaftlich verändernd wirken zu wollen, in der Praxis Sozialer Arbeit sehr unterschiedlich interpretiert und je nach gesellschaftstheoretischer Positionierung der Politik und des gesellschaftlichen Mainstreams unterschiedlich umgesetzt: von extrem gesellschaftskritischen

Ansprüchen z.B. der linken VertreterInnen der Sozialen Arbeit in den 68er Jahren über reformerische Integrationsansätze bis hin zu einer Verbindung von Reform- und Befriedigungsansätzen, ist alles vertreten.

Im Sozialstaat der 70er und 80er Jahre, in dem die Soziale Arbeit weitaus größere Spielräume hatte als im heutigen neoliberalen, aktivierenden Staat, konnte sie im Sinne dieses von ihr selbst gesetzten Anspruches und Auftrages weitgehend sowohl ihre Parteilichkeit als auch ihren kritischen, mitunter politischen Blick auf die gesellschaftlichen Hintergründe der Problemlagen der Menschen umsetzen.

Heute, unter den Bedingungen des aktivierenden Staates sind die Erwartungen der Politik, Menschen anzupassen und Problemlagen zu individualisieren, deutlich größer und klarer. Es ist weitaus schwieriger und riskanter, darauf zu bestehen, dass es um mehr, möglicherweise sogar um etwas anderes gehen muss als um eine Anpassung der Menschen.

Die Erwartungen an eine eigene, nicht staatlich vorgegebene politische Gestaltungskraft der Sozialen Arbeit werden heute mehr denn je enttäuscht.

So ist die Sehnsucht nach einer die gesellschaftlichen Verhältnisse verändernden Funktion Sozialer Arbeit offenbar auch dann nicht zum Schweigen zu bringen, wenn die Inanspruchnahme als Dienstleisterin für das System besonders massiv vom Staat eingefordert wird. Denn die Problemlagen der Menschen haben sich nicht verändert: Hintergrund sind immer noch und immer deutlicher Armut und gesellschaftliche Ungleichheit.

 

 

 

Umgang mit den gesellschaftlich verursachten Problemen

Nun ist in der Profession und der Disziplin Soziale Arbeit mehr oder weniger unumstritten, dass die meisten der auftretenden Problemlagen, mit denen Soziale Arbeit konfrontiert wird, gesellschaftliche Hintergründe haben (vgl. z.B. F. Müller 2012).

 

Gesellschaftliche Ursachen von Problemlagen

Die Tatsache, dass gesellschaftliche Phänomene wie die Armut oder die soziale Ungleichheit Folgen gesellschaftlicher Verhältnisse sind, wurde durch die Erkenntnisse moderner Sozialwissenschaften (wie der Soziologie) zu Beginn des 20. Jahrhunderts klargestellt. Vorher herrschte allgemein die Ansicht vor, Armut sei ein individuell verursachtes und begründetes Schicksal (vgl. Bingel 2013, 39). Allmählich drangen die neuen Erkenntnisse auch in die Gesellschaft und Politik ein. Die Soziale Arbeit hält seit dem zumindest in ihren Diskursen an diesen Erkenntnissen fest.

So steht für die VerfasserInnen des 14.Kinder- und Jugendberichtes außer Frage (vgl. 14. KJB 2013, 47), dass die Soziale Arbeit es zu einem großen Teil mit ursächlich gesellschaftlich bedingten Problemlagen zu tun hat, dass sie also solche Probleme bearbeiten muss, die unmittelbare Folgen der bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen und Strukturen, insbesondere Folgen der herrschenden sozialen Ungleichheit sind. Andere, nicht gesellschaftlich verursachte Probleme (z.B. ein Schicksalsschlag wie der Verlust des Partners oder eines Kindes, spezifische Charaktereigenschaften) sind zwar in dem Sinne tatsächlich „individuell“, als sie aus der Biografie, den genetischen Veranlagungen und/oder der Lern- und Erfahrungsgeschichte des jeweiligen Menschen entstanden sind. Auch solche individuell begründeten Probleme sind allerdings nicht unabhängig oder losgelöst zu sehen von den gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen Menschen leben:

Sie treten zum einem auf in einer engen Verbindung und Verquickung mit anderen, insbesondere auch gesellschaftlich bedingten Problemlagen. So können ursprünglich individuelle und zunächst von gesellschaftlichen Problemen unabhängige Belastungen durch diese Kombination mit gesellschaftlichen

Problemlagen verschärft werden und den Menschen in eine ausweglose Situation bringen.

Zum Beispiel wird ein ängstlicher, unsicherer Mensch in der „Ellenbogengesellschaft“ eher untergehen als jemand, der selbstbewusst ist und seine Kräfte messen möchte. Auch bei der Bearbeitung solcher zunächst

individuell verursachter Probleme kommt Soziale Arbeit also um die Beachtung der sozialen Bedingungen, unter denen die Menschen leben, nicht herum.

 

Individuelle Erfahrungsebene gesellschaftlicher Probleme

Gesellschaftlich bedingte Problemlagen sind grundsätzlich keine individuellen Schicksale. Vielmehr manifestieren sie sich in Gruppenschicksalen oder in strukturell bedingten Mangelsituationen von Bevölkerungsteilen. Andererseits muss Soziale Arbeit sich im Klaren darüber sein, dass auch gesellschaftlich

verursachte Problemlagen in den persönlichen Biografien und Lebenserfahrungen von einzelnen Menschen immer als individuelles und persönliches Erleben erfahren werden. So zeigt sich Armut nicht als abstrakte Armut, sondern ganz konkret in Form des fehlenden Geldes bei bestimmten Personen, aber ebenso als Hintergrund für Beziehungs- oder Suchtprobleme oder für psychische Erkrankungen.

 

Tatsache ist, dass in den ärmeren und bildungsferneren Gesellschaftsschichten bestimmte psychische Erkrankungen, Suchtprobleme, Vernachlässigung oder auch familiäre Gewalt häufiger vorkommen bzw. dass sie, wenn sie vorkommen, wesentlich massiver und einschneidender wirken und ungleich mehr auf alle anderen Lebensbereiche ausstrahlen.

 

Armut als gesellschaftliches Problem, verursacht durch die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, ist somit für SozialarbeiterInnen erfahrbar und als Problem präsent in dem konkreten Erleben und Verhalten Einzelner und kann davon nicht losgelöst werden. So können individuell ausgeformte Problemlagen die konkrete, auf ein Individuum zutreffende Folge gesellschaftlicher Probleme sein, z.B. eine Depression, die als individuelle Reaktion auf die chronische Beziehungsbelastung entstanden ist, die wiederum durch den gesellschaftlich bedingten Zwang zu einer überfordernden Mobilitätsbereitschaft der PartnerInnen hervorgerufen wurde. Soziale Arbeit als Praxis kann gar nicht umhin, die Problemlagen in ihrer konkreten individuellen Erscheinungsform ernst zu nehmen, denn sie kommt mit diesen Problemen überhaupt nur über die betroffenen Menschen selbst in Berührung.

Die konkreten Erfahrungen von Not, Konflikten oder auch Belastungen der einzelnen Menschen sind völlig real, sie treten den SozialarbeiterInnen in der Person dieser Menschen leibhaftig gegenüber und sie sind keine Umdeutungen oder Verschiebungen, sondern psychosoziale Fakten.

Soziale Arbeit wird also immer mit konkreten, persönlich erfahrenen Problemlagen der Menschen konfrontiert.

 

In der Sicht auf diese Problemlagen, im Umgang mit ihnen, zeigt sich dann allerdings, wie weit Soziale Arbeit

gewillt und in der Lage ist, den Zusammenhang dieser als individuell erfahrenen Probleme mit gesellschaftlichen Bedingungen und Hintergründen zu erfassen, diese zu berücksichtigen und zumindest die Forderung nach der Lösung dieser gesellschaftlichen Ursachen als Teil ihres Auftrags zu erkennen.

 

Nähmen Profession und Disziplin die Tatsache ernst, dass die Probleme der Menschen vielfältig gesellschaftlich bedingt sind, so müssten sie es als den selbstverständlichen Auftrag der Sozialen Arbeit betrachtet, den Menschen in ihrer Not zu helfen aber gleichzeitig zu versuchen, die Ursachen dieser Not – wenn nicht zu beseitigen so doch wenigstens – zu thematisieren und anzuprangern.

Soziale Arbeit muss also Wege finden, diese gesellschaftlichen Hintergründe in ihre Arbeit einzubeziehen, sowohl bei der Diagnose als auch im Rahmen der Intervention.

 

Eine rein individuelle Betrachtung und Lösung gesellschaftlich verursachter Probleme verleugnet deren gesellschaftliche Herkunft, definiert soziale Probleme zu persönlichen Problemen um und lenkt von der Verantwortung der Politik für solche Problemlagen ab.

 

Hierzu gibt es in der kritischen Fachliteratur auch heute eine große Übereinstimmung (z.B. Scherr 2012; Bader 2012; Kunstreich 2012; Kappeler 2008; Hamburger 2003; Böhnisch/Lösch 1973).

 

Gleichsetzung von Individualisierung mit der Einzelfallarbeit

Wenn innerhalb der Disziplin davon die Rede ist, dass im Rahmen der auf Individuen bezogenen Arbeit die gesellschaftlichen Hintergründe der Problemlagen verschleiert werden (vgl. F. Müller 2012), dass soziale Konflikte in individuelle Notlagen umgedeutet werden, dass hier die Konflikthaftigkeit von der strukturellen Ebene ins Erleben der Klientel verschoben wird, dann sind das sicher durchaus realistische Beobachtungen.

 

Diese Tendenz in der Einzelfallarbeit darf aber nicht als unvermeidbare Notwendigkeit jedes auf den Einzelfall bezogenen Handlungsansatzes der Sozialen Arbeit unterstellt werden. Denn die Einsicht in die faktische individuelle „Fallstruktur“ der Mikroebene der Sozialen Arbeit (Heiner 2004, 110f) und in der Konsequenz der Versuch, in der direkten Arbeit mit Einzelnen, die von ihnen subjektiv wahrgenommenen bzw. erfahrenen Probleme zu bearbeiten, ist nicht gleichbedeutend mit den von kritischen VertreterInnen der Sozialen Arbeit immer wieder massiv abgelehnten individualisierenden Vorgehensweisen: Es ist nicht entscheidend für die

Frage einer Verschleierung gesellschaftlicher Problemhintergründe, ob jemand statt sich in seiner Arbeit auf soziale Strukturen zu richten, mit einzelnen Menschen an deren Problembewältigung arbeitet.

 

 

Lösungsansätze der Sozialen Arbeit und ihre Reichweiten

Es stellt sich die Frage, wie Soziale Arbeit mit den Phänomenen der Armut und der sozialen Ungleichheit – mit ihren Ursachen und mit ihren individuellen und individuell erlebten Folgen für die Menschen – im wissenschaftlichen Diskurs, aber vor allem auch in der Praxis tatsächlich umgeht. Zur Bewältigung ihrer Aufgaben entwickelte die Soziale Arbeit zwei verschiedene Handlungsstrategien, die sich relativ unabhängig voneinander entfalteten, die sich aber in bestimmten Epochen streckenweise ergänzten und verbanden – oder

aber zu Gegensätzen und Alternativen stilisiert wurden.

 

Einzelfallarbeit und Arbeit in und mit dem Sozialraum als die zentralen Handlungsstrategien

Der eine Lösungsweg ist die Arbeit mit den Betroffenen selbst, oft im direkten Kontakt mit den Einzelnen.

Case Work, Fürsorge, sozialpädagogische Beratung und Hilfe, ambulante Hilfe zur Erziehung, Case Management, all das sind Einzelfall-Strategien, die in verschiedenen historischen Epochen der Sozialen Arbeit diesen Weg repräsentierten. Daneben gibt es den anderen Lösungsansatz, die Probleme der Menschen dadurch anzugehen, dass man Einfluss zu nehmen versucht auf die gesellschaftlichen Strukturen, in denen benachteiligte Menschen leben. Hier wird vorrangig der Soziale Raum als gestaltbarer Raum angesehen, der gesellschaftliche Strukturen aber auch Problemlagen widerspiegeln kann und damit als Ort für sozialarbeiterische Interventionen geeignet scheint. Beispiele sind hierfür die verschiedenen Konzepte und Ansätze von Gemeinwesenarbeit sowie die derzeitigen konzeptionellen Vorstellungen einer Sozialraumorientierung.

Mit beiden Handlungsstrategien reagiert die Soziale Arbeit auf die oben erwähnten „Kollateralschäden“ des Kapitalismus, die in Not und Leid der einzelnen Menschen und ganzer Menschengruppen Gestalt annehmen, wie

z.B. Armut, Wohnungsnot, Verwahrlosung, Krankheitsrisiken, Existenzängste etc. Die Einzelfallarbeit versucht, solche Probleme und ihre Folgen direkt und oft bilateral zu bearbeiten. Das Erleben und die persönliche Betroffenheit der Menschen sind hier der Ausgangspunkt für die Arbeit. Entweder „sorgte“ Einzelfallarbeit – wie etwa im Rahmen der Fürsorge – für die Betroffenen in materieller wie psychosozialer Hinsicht, oder aber sie versuchte, zusammen mit den Betroffenen, Lösungswege für deren Problematik zu finden und sie bei den notwendigen Handlungsschritten und persönlichen Lernprozessen zu unterstützen, so wie es z.B. im Kontext des Lebenswelt-Ansatzes (vgl. Thiersch 2009) praktiziert wird.

Die Einzelfallarbeit verstand und legitimierte sich meist als Hilfe bei der Bewältigung des Lebens ihrer Klientel, als Unterstützung für Menschen in Not, die ohne Hilfe nicht alleine klar kommen würden. Der Hintergrund für

diese Not, also z.B. die sozialen Ungleichheit, wurde dabei eher selten im Rahmen der direkten Arbeit mit der Klientel explizit thematisiert, spielte aber als motivierender Handlungshintergrund durchaus eine wichtige, wenn nicht sogar die zentrale Rolle. Allerdings wurde er mit Blick auf die Klientel sehr unterschiedlich interpretiert: Entweder war Armut Anlass für latente Vorwürfe und Schuldzuweisungen. Oder sie war zum Beispiel im Rahmen der Lebensweltorientierung der Hintergrund für den bewussten und gewollten Respekt der Profession vor Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind.

Ansätze und Praktiken von Einzelfallarbeit unterscheiden sich zudem darin, wieweit jeweils der gesellschaftliche Hintergrund der persönlichen Problemlagen in Diagnose und Intervention der Einzelfallhilfe eine Rolle spielt und ob er überhaupt gesehen wird. Im Rahmen der strukturellen Handlungs-Ansätze wie z.B. in der Gemeinwesenarbeit, rieben sich die Disziplin und die Profession direkter und bewusster an der bestehenden sozialen Ungleichheit beziehungsweise an Problemlagen, die darauf zurück zu führen waren. Diese waren Anlass für die Versuche, gezielt strukturelle Probleme anzugehen. Die strukturellen Ansätze verbanden sich meist mit hohen Erwartungen an die sozialpolitische Wirksamkeit.

Diese Erwartungen wurden allerdings mit der Erkenntnis konfrontiert, dass grundlegende Veränderungen so nicht erreichbar sind und ohne hin nicht gewollt sind (s.o.). Allmählich reduzierte man deshalb diese Erwartungen auf kleine, konkrete, pragmatische Veränderungen in der Lebenswelt der Klientel. Der Sozialraumansatz erwies sich hierfür als besonders geeignet (vgl. Bingel 2013, 13, 203, 205).

Das Lebensweltkonzept schließlich (z.B. Thiersch 2009) betont die Bedeutung der alltäglichen, konkreten, auch räumlich vermittelten Erfahrungswelt für gesellschaftliches Handeln, Orientierung und Identität. Der lebensweltliche Erfahrungsraum hat bei Thiersch sowohl eine Regressions- als auch eine soziale Gestaltungsperspektive.

 

Die Milieutheorie dagegen schränkt den Lebensraum auf die sozial unmittelbar umgebende räumlich und zeitlich

begrenzte Nahwelt ein. Der ältere Milieubegriff ist dabei stark schicht- und klassenmäßig definiert und betont eher die regressiven Aspekte („ungünstiges Milieu“). Der moderne Milieubegriff sieht in den Widersprüchen und Spannungen zwischen Tradition und Aktivierung lebensweltliche Ressourcen (s. stadtteilbezogene Sozialarbeit, Kap. 8.4.5). Nach dem Krieg (ab 1951) gelangte die in den USA entwickelte Gemeinwesenarbeit mit Hertha Kraus und Herbert Lattke nach Westdeutschland. Lattke prägte 1955 für die Gemeinwesenarbeit den Begriff „Dritte Methode der Sozialarbeit“. Rezipiert wurden in Westdeutschland zunächst einmal nur die wohlfahrtsstaatlichen und integrativen Konzepte. Durch die Studentenbewegung gerieten schließlich auch die Konzepte der aggressiven Gemeinwesenarbeit ins Blickfeld und gewannen im weiteren Verlauf eine recht große Bedeutung in der damaligen Sozialen Arbeit.

 

Gemeinwesenarbeit in den 70er Jahren

Die Rolle, die man der Gemeinwesenarbeit nach 1968 zuwies und die Chancen, die man sich für die Soziale Arbeit versprach, drücken sich im folgenden Zitat aus: „Angefangen hat Gemeinwesenarbeit Ende der 60er und in den 70er Jahren. Damals ging in der Bundesrepublik Deutschland der Aufschwung des sog. „Wirtschaftswunders“ zu Ende und es kam zu einer Wirtschaftskrise, die zu einer Häufung sozialer Probleme in den sogenannten „Brennpunkten“ führte, also den Obdachlosenquartieren, den Sanierungsgebieten und den Trabantensiedlungen an den Rändern der Großstädte. Es war offensichtlich, dass soziale Arbeit dort mit den Instrumentarien der Einzelfallhilfe und der Gruppenpädagogik überfordert war, weil die Problematik weniger bei den einzelnen Personen zu diagnostizieren war, sondern bei den Bedingungen, unter denen diese Menschen leben müssen“ (v. Kietzell 2002, a.a.O.).

Dies ist eine Definition der Notwendigkeit und der Möglichkeiten der Gemeinwesenarbeit, die so bis heute gilt. Probleme, die offensichtlich durch unhaltbare Wohnbedingungen ausgelöst sind, müssen dort gelöst werden, wo

sie entstehen. In dieser frühen Zeit wurde der Gemeinwesenarbeit aber noch mehr zugetraut. Man hoffte durch sie in einem Stadtteil das gesellschaftliche Machtgefälle grundlegend verändern zu können (vgl. v. Kietzell 2002). Man glaubte, Gemeinwesenarbeit könne „Zubringerdienste“ leisten für politische Umsturzbewegungen (vgl. Victor Gollancz-Stiftung 1975).

Insgesamt erreichte die Gemeinwesenarbeit in den 70er Jahren eine große Bedeutung innerhalb der Sozialen Arbeit und darüber hinaus. Die Resonanz war groß und vielfältig. Die Nachbarschaftshäuser, die sich bis dahin auf Gruppenarbeit spezialisiert hatten, fingen an, sich auf Gemeinwesenarbeit einzustellen. Die Kirchen interessierten sich für die Möglichkeiten der Gemeinwesenarbeit zur Belebung des Gemeindelebens. Marxistische Kräfte sahen in der Gemeinwesenarbeit eine Methode, zur Veränderung der Gesellschaft beizutragen. In dieser Zeit fanden zum Thema Gemeinwesenarbeit zahlreiche Konferenzen und Seminare statt. Es entstanden konkrete Projekte in Obdachlosengebieten (Ausgangspunkt: kinderreiche Familien; soziale

Ausgrenzung), in Neubauvierteln (Ausgangspunkt: mangelhafte Infrastruktur, hohe Mieten), in Altbauvierteln (Ausgangspunkt: Bedrohung durch Totalsanierung; Mietsteigerung nach Sanierung).

Die Euphorie gegenüber der Gemeinwesenarbeit ging bei vielen AutorInnen und PraktikerInnen einher mit einer Kritik an der, wie man meinte, eher individualisierenden Einzelfallarbeit. So warf man dem damals praktizierten

Case Work nicht nur Unwissenschaftlichkeit, die kritiklose Übernahme mittelschichtorientierter Werthaltungen und eine Pathologisierung der Klientel vor, man kritisierte allem voran die gesellschaftsstabilisierende, unpolitische Haltung in der damaligen Einzelfallhilfe (vgl. C. W. Müller 1992; Galuske 2011).

Der §1 des SGB VIII spricht im Absatz (3) 4. vom „Erhalten bzw. Erschaffen positiver Lebensbedingungen für junge Menschen und ihrer Familien“ als einer zentralen Aufgabe der Jugendhilfe (BMFSFJ 2000). Aus dieser Perspektive wird die im KJHG forcierte lebensweltorientierte Soziale Arbeit als Handeln mit Menschen in deren Sozialraum erkennbar.

 

Die Lebensweltorientierung und ihr Verhältnis zum Sozialraum

Die Lebensweltorientierung (vgl. Thiersch 1998) und mit ihr das „Prinzip Gemeinwesenarbeit“ hat in der Sozialen Arbeit ab den 70er Jahren zu einer Differenzierung, Professionalisierung und Neubestimmung der Methodik, der Hilfeansätze und des Selbstverständnisses geführt (vgl. Galuske 2002).

Die Lebensweltorientierung spielte in dieser Zeit dennoch in vielen Konzepten und Ansätzen der konkreten Praxis Sozialer Arbeit eine wichtige Rolle. So setzte der Reformansatz der „Neuorganisation“ der Jugendhilfe ab

1970 (vgl. Kühn 1994, 89ff; s.u.) Kräfte und Ideen frei, dieses Prinzip in der Praxis wirksam werden zu lassen. Der Kommentar des KJHG (Münder et al. 2013, 59f) spricht von den Strukturprinzipien der „Regionalisierung“ und „Dezentralisierung“ sowie von der „Alltagsorientierung“. Die Lebenswelt und Lebensraumorientierung spielte im 8. Jugendbericht (1990), in dem das Lebensweltkonzept ausführlich und bis ins Handlungsdetail auf die Praxis der Sozialen Arbeit heruntergebrochen wurde, eine wichtige Rolle und wurde in den anschließenden Reformansätzen konkret umgesetzt und weiterentwickelt.

Ein starkes Interesse der Profession an einer sozialräumlichen Neuorganisation und einer Sozialen Arbeit im Sinne des „Prinzips der Gemeinwesenarbeit“ (vgl. Boulet et al. 1982) zeigte sich demnach lange vor der Verabschiedung des KJHG.

 

So stellten Böhnisch et al. fest: „Die Lebensweltorientierung wurde zur Maxime der Fachlichkeit“ (Böhnisch et al. 2005, 228). Andererseits wurde in den 80er und 90er Jahren – wie alle Qualitäten und Prinzipien der Lebensweltorientierung – auch das Prinzip der Einbindung des Lebens- und Sozialraumes der Menschen nicht etwa flächendeckend umgesetzt und es wurde zum Teil im Verlaufe seiner Umsetzung auch verflacht und verkürzt (vgl. Krause/Peters 2009, 196).

 

Der Begriff Lebensweltorientierung stammt von Hans Thiersch, der zunächst mit dem Begriff „Alltagsorientierung“ (1986) auf das Lebensweltkonzept nach Schütz, Husserl und Habermas zurückgriff und es für die Soziale Arbeit adaptierte und herunterbrach.

 

Die Jahre zwischen 1970 und 1990 im Kontext der „Neuorganisation“

Im Rahmen der oben erwähnten Neuorganisation Sozialer Dienste (ab 1970) ging es unter anderem um eine Aufhebung von Innen- und Außendienst und um die Strukturierung der Arbeit des ASD im Kontext der konkreten Lebenswelten und Sozialräume der Menschen. Der Anstoß kam aus der Profession selbst.

Sie entwickelte organisatorische wie fachliche Praxismodelle, welche die Lebensweltorientierung in Gemeinwesenarbeit und Einzelfallarbeit gleichermaßen umzusetzen bestrebt war: So wurde das Buchstabensystem zugunsten eines regionalisierten Zuständigkeitssystems abgeschafft. Der Bezirkssozialdienst übernahm selbst Gemeinwesen-Aufgaben, sowohl die fallunabhängige, niedrigschwellige Arbeit, als auch die Zusammenarbeit mit allen möglichen Institutionen und Personen des jeweiligen Wohngebiets im Rahmen der Einzelfallarbeit und Gemeinwesenarbeit. Die Konzepte der durch die Lebensweltorientierung neu entstandenen Handlungsarrangements wie z.B. Sozialpädagogische Familienhilfe, Stadtteilangebote, Schulsozialarbeit,

teilstationäre Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe waren von dem Bemühen um die unmittelbare Einbeziehung der Lebenswelt der Betroffenen (Arbeitsplatz, Schule, Kindergarten, Stadtteil, Großfamilie usw.) getragen.

So war beispielsweise Vernetzungsarbeit elementarer Bestandteil der Sozialpädagogischen Familienhilfe. Eine sozialpädagogische Familienhelferin hatte in Wiesbaden in den 90er Jahren im Rahmen ihrer zweijährigen Arbeit mit einer 8 köpfigen Familie Kontakt mit 98 verschiedenen Institutionen oder Einzelpersonen aus der Lebenswelt der KlientInnen, dabei bestand dieser Kontakt oft aus jeweils mehreren Gesprächen. Ein besonders schönes Beispiel:

Zwei Kinder der Familie hatten im städtischen Streichelzoo ein Kaninchen gestohlen. Durch die Arbeit der Familienhelferin kam es zu einer Art Täter-Opfer-Ausgleich. Die Kinder übernahmen einen Pflege- und Streichelauftrag für die gesamte Kaninchenfamilie des kleinen Zoos und wurden enge Freunde der Zoowärter.

Die zu dieser Zeit verwendeten theoretischen Begriffe für diesen Aspekt der Lebensweltorientierung waren: Regionalisierung, Dezentralisierung, Öffnung der Verwaltung zur Umwelt, Dekonzentration, räumliche Regionalisierung, Raum, Stadtteil, Milieu. Der Begriff „Sozialraumorientierung“ war dagegen nicht vertreten.

Ziele der Neuorganisation waren neben der schon erwähnten Trennung von Innen- und Außendienst die inhaltliche Zusammenarbeit mit anderen Beteiligten, einschließlich der zuständigen Verwaltungsfachkräfte, die Erhöhung der Entscheidungsbefugnisse der sozialpädagogischen Fachkräfte sowie die Distanzierung von einer Expertokratie der Fachkräfte und die Ablösung von einer zu engen – von den Fragen der Umwelt isolierten – Einzelfallorientierung.

Die Verwaltungsfachkräfte nahmen aktiv die fachlichen Vorstellungen auf, ohne aber ihrerseits fachfremde Perspektiven einzubringen und durchzusetzen. So entstand eine Vielzahl von Modellen, die sich über Jahre hinweg immer weiter ausdifferenzierten. Die zentrale Dienstaufsicht der regionalen Gruppen blieb selbstverständlich bei der Behörde, gleichzeitig aber wurde die autonome fachliche Verantwortung der PraktikerInnen deutlich erhöht.

Obwohl davon nicht die Rede sein kann, dass dieses Neuorganisationsmodell bereits alle Jugendämter und Landkreise oder Städte erfasst hatte, gab es in den westdeutschen Großstädten und in Berlin eine nicht zu unterschätzende Bewegung der PraktikerInnen für eine neue Organisation und davon abgeleitet für neue fachliche Möglichkeiten ihrer Arbeit. Kühn (1994) stellt fest: „Die Modellentwicklung Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre erreicht eine so große Ausbreitung, weil die Rationalisierungsbemühungen der Verwaltungsspitze

auf kritisch sensibilisierte Sozialarbeiter treffen, die ihre Handlungsbedingungen und -Vollzüge selbst in Frage stellen“ (Kühn 1994, 90).

Es scheint, als habe hier (zur Zeit des Sozialstaates) eine Modernisierungsverbindung zwischen Verwaltung und Praxis stattgefunden, bei der die Verwaltung davon ausgegangen ist, dass eine fachliche Verbesserung, eine Entbürokratisierung und eine Öffnung zur Lebenswelt auch ihre eigenen Probleme als Sozialverwaltung (genannt wurden: Marginalität, Reduktion auf Kontrolle und Geldauszahlung, Bürokratie, Vorwurf der Ineffektivität und Ineffizienz) lösen könnte.

 

Unter „Regionalisierung“ wurde die Zuordnung der MitarbeiterInnen in den Sozialdiensten zu jeweils einzelnen Bezirken verstanden. Bei der Dezentralisierung kam hinzu, dass das Team, das einen Stadtteil mit mehreren Bezirken betreute, seine Räume auch innerhalb dieses

Stadtteils hatte.

 

 

 

 

 

Jugendbericht und KJHG

Der 8. Jugendbericht (1990) greift diese Entwicklung im Rahmen seiner Konzeptbeschreibung einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit auf. Er spricht von der Notwendigkeit, Soziale Arbeit im Alltag der Klientel zu verorten und für sie erreichbar zu sein. Es geht dem 8. Jugendbericht ferner darum, den Einzelnen mehr in den Bedingtheiten seines „Systems“ und seinen sozialen Bezügen wahrzunehmen, um die Tendenz zur Individualisierung aufzubrechen. Gleichzeitig betont der Bericht die Notwendigkeit, die kodifizierten

Leistungen und Rechtsansprüche dabei nicht infrage zu stellen.

Das KJHG, 30 Jahre diskutiert und vorbereitet, ist ebenfalls als Fazit bestehender Entwicklungsergebnisse zu verstehen. Dezentralisierung, Lebensweltbezug, Lebenswelterhaltung und Regionalisierung sind im Gesetz zentrale Momente. So geht der Paragraph 27 KJHG davon aus, dass Hilfen zur Erziehung nach Möglichkeit im Lebensraum des Minderjährigen stattfinden und die Umweltbedingungen einbeziehen sollen, um sie als Orte von Ressourcen, Ursachenhintergründen und Lösungsmöglichkeiten erkennen zu können. Der Kommentar des KJHG von Münder et al. (2013) erklärt ebenso wie der 8. Jugendbericht die Dezentralisierung und Regionalisierung zu

wichtigen Aspekten der Lebensweltorientierung und erläutert diesen Ansatz wie folgt: „Dezentralisierung und Regionalisierung sind vor allem dazu geeignete Gestaltungsformen, um im Orts- und Stadtteil, bis in die unmittelbare Nachbarschaft, an vorhandene regionale Beziehungen anzuknüpfen sowie ihre Vernetzung und Kooperation zu ermöglichen“ (ebenda, 59f).

Was hier unter Öffnung zur Umwelt verstanden wird, ist die Orientierung auf die Lebenswelt und die Lebensräume, die auch die Struktur von Wohnumwelt, Sozialraum, Milieu, etc., sowie die Lage und gesellschaftliche Position der Menschen betreffen.

Unmissverständlich ist, dass diese „Strukturmaximen“ (Münder et al. 2013, 59f) der Kinder- und Jugendhilfe nicht als eigene und zu anderen Bereichen und Handlungskonzepten konkurrierende sozialarbeiterische Handlungsebenen beschrieben werden, sondern als allgemeine Prinzipien lebensweltorientierter Sozialer Arbeit, gleich, ob es dabei um Gemeinwesenarbeit, Fallarbeit oder Gruppenarbeit geht.

In der Zeit ab 1990 wurde nicht nur das KJHG verabschiedet, es kamen auch andere Einflüsse sowie neue

Zwänge auf die Kinder- und Jugendhilfe zu.

Mit der Neuen Steuerung wurde die Neuorganisationsdebatte von einem auf den anderen Tag beendet und tabuisiert. Eine Jugendamtsmitarbeiterin, die in ihrer Fachhochschule damals begeistert über die Neuorganisationsdebatte ihre Diplom-Arbeit geschrieben hatte, war auf dieses Thema schon am Tage nach der Diplomierung nicht mehr anzusprechen, denn in ihrem Jugendamt galt es jetzt, sich mit der von oben angeordneten „Neuen Steuerung“ auseinander zu setzen und zu arrangieren.

 

 

Strukturelle Folgen für die Kinder- und Jugendhilfe

Der sozialräumliche Bezug im Kontext der Lebensweltorientierung hatte eine große Bedeutung für die Struktur der Kinder- und Jugendhilfe.

 

Neuorganisation der sozialen Dienste

Wie schon beschrieben, bildeten sich im Rahmen einer „Neuorganisation“ in vielen westdeutschen Städten und als erstes in Berlin Modellprojekte (s. Hinte 2010). Es entwickelte sich ein „Bezirkssozialdienst“, bei dem ein Team von MitarbeiterInnen des ASD ausschließlich für die Klientel eines bestimmten Bezirkes, Stadtteils, Wohnquartiers zuständig war. Z.T. waren auch noch andere für den Stadtteil zuständige MitarbeiterInnen der Jugendhilfe in das Team integriert, wie die Jugendgerichtshilfe, die Vormundschaft, die Erziehungsberatung, die Wirtschaftliche Jugendhilfe und z.T. sogar SachbearbeiterInnen der Sozialhilfe (vgl. Kühn 1994; Hinte 2010).

 

Folgen für die Inhalte der Hilfen zur Erziehung

Auch für die neue, inhaltliche Ausgestaltung der Hilfen zur Erziehung war die Lebensweltorientierung in diesen Jahren von richtungsweisender Bedeutung:

 

Verstärkung der ambulanten Hilfen zur Erhaltung der Lebenswelt

Generell wurde der Vorrang der ambulanten und familienergänzenden vor den stationären und familienersetzenden Hilfen festgelegt (z.B. BGB § 1666a; KJHG § 27). Ambulante Hilfen zur Erziehung wurden ausgebaut und vorrangig und vermehrt im bestehenden Lebensraum, also im eigenen Stadtteil bzw. in der elterlichen Wohnung angesiedelt. Die Ambulantisierung der Erziehungshilfen wurde nicht nur organisatorisch, sondern explizit auch pädagogisch diskutiert und begründet (vgl. Seithe 2001). Ihre sozialpädagogischen Vorzüge gegenüber der Fremdplatzierung liegen zum Einen in der Vermeidung von Sozialisationsbrüchen und dem Verlust der Eltern-Kind- Beziehung, des Weiteren in ihrer Niedrigschwelligkeit im Vergleich etwa zur

Heimunterbringung, sodann in ihrer größeren Spannbreite für eine individuelle Gestaltung der Hilfen und schließlich in der Chance, Probleme dort angehen zu können, wo sie entstanden sind.

Außerdem wirken sie gleichzeitig präventiv (z.B. in Bezug auf die Geschwisterkinder) und nachhaltig im Sinne einer Verbesserung der familiären und erzieherischen Kompetenzen und Strukturen.

 

Tagesgruppe als regionalisierte Hilfe in der Lebenswelt

Sozialpädagogische Tagesgruppen (nach § 32 KJHG) galten als sozialpädagogische Angebote im Sozialen Raum der Minderjährigen: Die teilstationäre Einrichtung versuchte, den betroffenen Kindern die Nähe zu ihrem bisherigen Lebens-, Lern-, Spiel- und Erfahrungsraum zu erhalten sowie auch die direkte Nähe zu ihrer Familie. Dieser Ansatz ging über die bloße „Erhaltung derselben Schule“ und z.B. desselben Kindergartens, wie er heute praktiziert wird, weit hinaus. Die Tagesgruppe sollte auch keine Enklave innerhalb eines Wohngebietes werden. So war zum Beispiel der Besuch von Freunden der Kinder in der Tagesgruppe etwa an Geburtstagen der Tagesgruppenkinder durchaus erwünscht. Die intensive Unterstützung war darauf gerichtet, die Kinder nicht nur in ihrer Lebenswelt zu belassen, sondern diese Lebenswelt einzubeziehen, positiv zu beeinflussen und die Kinder gerade auch in ihrer Lebenswelt zu stärken (vgl. z.B. Krüger/Reuter-Spanier/Trede/Wegehaupt-

Schlund 1994).

 

Heim als Lebenswelt

„In Bewegung geriet das über lange Dekaden (…) eher stabile Modell der ‚öffentlichen Ersatzerziehung‘ mit der Heimkritik ab Ende der 60er Jahre“ (Galuske 2002; 307). Das seit 200 Jahren kaum veränderte, klassische Kinderheim (das bedeutete: Häuser mit mehreren Gruppen, jeweils für verschiedene Altersgruppen, Häuser als relativ selbständig wirtschaftende Einheiten; mehr oder weniger ausgebildetes Personal, Ansiedlung von Heimen außerhalb der Gemeinden) veränderte sein Gesicht dramatisch. Neben der Dezentralisierung und Regionalisierung von Heimen, also der Ansiedlung in Wohngebieten und in Nähe und Kontakt zu anderen Menschen und neben dem Schulbesuch in der Regel-Schule im Stadtviertel, ging es vor allem um die Veränderung des Heimes als Institution. Heime hatten vorher mitunter Züge einer „totalen Institution“ (vgl. Goffmann 1973). Die Entwicklung ging vom „Wegsperren in eine Erziehungsanstalt“ hin zur „Lebensweltalternative Heim“. Neben betreuten Wohngruppen entstanden auch familienähnliche Wohngruppen oder einzelne, in Familien angebundene Erziehungsstellen.

 

 

Neue sozialraumorientierte Handlungskonzepte der Einzelfallarbeit

Innerhalb der Einzelfallhilfe fanden sich in diesen Jahren nach wie vor viele der traditionellen methodischen Konzepte und Ansätze, die aber nun versuchten, die Lebensräume der Menschen in ihre Ansätze einzubeziehen.

Zusätzlich haben sich ganz neue Methoden der Sozialen Arbeit herausgebildet, die die sozialräumliche Orientierung ganz bewusst einsetzten:

 

Netzwerkarbeit

Soziale Netzwerkarbeit, stellt „zum Zweck der Förderung tragfähiger individueller Sozialbezüge (...) ein Instrumentarium zur Erfassung von subjektiven Einbindungen und Anbindungen im sozialen Raum zur Verfügung“ (Galuske 2002, 304). Menschen brauchen Netzwerke und müssen ihre Bedürfnisse im Nahraum befriedigen können. Es ist eine der Aufgaben der Sozialen Arbeit, Menschen in ihre sozialen Netze (wieder) zu integrieren bzw. Netze mit ihnen neu aufzubauen sowie sie an die Möglichkeiten der sozialen Infrastruktur

heranzuführen. Die lebensweltweltorientierte Soziale Arbeit der 80er Jahre kannte z.B. die Helferkonferenz, bei der der soziale Nahraum in Gestalt der Verwandten, der Freunde, Helfer oder auch KollegInnen unmittelbar an den Fallbesprechungen mit der jeweiligen KlientIn beteiligt war.

 

Straßensozialarbeit

Die Straßensozialarbeit ist eine Methode der Sozialen Arbeit, die ihre Arbeit konsequent, unmittelbar und ausschließlich in die sozialen Räume ihrer Zielgruppe verlegt. Sie vollzieht sich nicht in konstruierten und kontrollierten Räumen. StraßensozialarbeiterInnen suchen ihre Klientel an deren informellen Treffpunkten auf: an Straßenecken, in Szenetreffs, in Parks, auf öffentlichen Plätzen, in Ladenpassagen, Kneipen, Spielcentern etc. Das bedeutet für den sozialpädagogischen Prozess: Nicht die Klienten müssen sich den von Sozialarbeitern vorgegebenen Spielregeln anpassen, sondern umgekehrt. Das geht soweit, dass damit am Arbeitsort der SozialarbeiterInnen die Klientel nicht nur ‚Heimvorteile‘ sondern alle Heimrechte“ genießt (vgl. Galuske

2011).

 

Sozialpädagogische Familienhilfe

Die SPFH ist eine ambulante Hilfe zur Erziehung, die besonders konsequent alltagsorientiert arbeitet. Arbeitsort ist in der Regel die Wohnung der Klienten und deren weiterer Lebensraum. Das ermöglicht alltagskompatibles Lernen. Das kontinuierliche Erleben der Familie in den Alltagszusammenhängen ermöglicht es der Sozialarbeiterin, diese Familie handlungsorientiert (nicht ausschließlich durch verbale Gesprächsangebote) zu unterstützen, ihre Sichtweisen und Einschätzungen der Problemlage kennenzulernen und damit überhaupt erst einen Zugang zu Menschen zu finden, die sich den Angeboten mit Kommstruktur gegenüber skeptisch und ängstlich verhalten. Die wiederholte, handlungsorientierte und reflektierende Interaktion innerhalb der Lebenswelt einer Familie macht die ganz besonderen Lernchancen dieser Hilfe (z.B. gegenüber Gesprächen im Jugendamt oder auch der Erziehungsberatung und der Familientherapie) aus.

Allerdings kann die unmittelbare Nähe der Hilfe zum privaten Raum einer Familie ein Einfallstor für Kontrollabsichten sein. Deshalb ist gerade bei der Sozialpädagogischen Familienhilfe eine konsequent

subjektorientierte und respektvolle Grundhaltung unbedingt erforderlich.

 

Alternative Ansätze von Erziehungsberatung

Auch die klassische, üblicherweise mit einer Kommstruktur arbeitende Erziehungsberatung hat in dieser Zeit alternative Konzepte entwickelt (Hundsalz 1995). So wurde z.B. in Wiesbaden in einem großen Neubaugebiet,

das sich zum sozialen Brennpunkt entwickelt hatte, eine Beratungsstelle im 9. Stock eines der 13stöckigen Hochhäuser eingerichtet. Hier gab es für lockere Gespräche und zum Kennenlernen eine gemütliche Küche mit Eckbank, dazu einen Kinderspielraum u.a. für Kindertherapie, einen größeren Gruppenraum für Gruppenangebote und ein Besprechungs- und Beratungszimmer, das gleichzeitig als Büro diente. Die BewohnerInnen des Hauses machten nicht selten im 9. Stock halt (besonders dann, wenn wieder einmal

der Fahrstuhl kaputt war) und klingelten bei den Leuten von der „EB“, fanden immer jemanden vor, der Zeit für sie hatte und blieben auf eine Tasse Tee und zu einen Plausch. Nebenbei passierte sehr viel niedrigschwellige

Arbeit und das, was Hinte später „fallübergreifende Arbeit“ nannte. Die MitarbeiterInnen waren im ganzen Haus und auch im Stadtteil bekannt und wurden zu Mieterkonferenzen, zu Festen, zu Aktionen oder Versammlungen

eingeladen. Beratungsgespräche oder z.B. auch Kindertherapiestunden waren trotzdem selbstverständliche Leistungen dieser Beratungsstelle.

 

Case Management

Auch das sozialpädagogische Case Management versucht, die sozialräumlichen Unterstützungsressourcen für seine Klientel zugänglich zu machen, sie zu vernetzen, und zu vermitteln. In gewissem Sinne entspricht es in diesem Punkt der Netzwerkarbeit. Zum Case Management wird im weiteren Verlauf noch einiges gesagt.

 

 

Folgen für die Methodik und die Methoden der Einzelfallarbeit

Mit dem „Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit“ (vgl. Boulet et al. 1982) und den Prinzipien Regionalisierung und Einbeziehung der Lebenswelt wurde innerhalb der Sozialen Arbeit eine Konjunktur lebensweltnaher Handlungskonzepte ausgelöst (vgl. Galuske 2002). Soziale Arbeit versuchte, sich den Alltagszusammenhängen der Klienten zu nähern und thematisierte z.B. den Zugang (Erreichbarkeit) zu Hilfen. Dies zeigte sich in einer Neuentwicklung bzw. Forcierung folgender methodischer Aspekte:

Niedrigschwelligkeit (z.B. sozialpädagogische Familienhilfe, Anlaufstellen

für sogenannte Straßenkinder), Arbeit vor Ort in der Lebenswelt (z.B. sozialpädagogische Familienhilfe,

Tagesgruppe, Dezentralisierung des ASD und zugehende Arbeit in neueren, lebensweltlich orientierten Ansätzen der Erziehungsberatung), Handlungsorientierte Methoden (z.B. Sozialpädagogische Familienhilfe, Erlebnispädagogik), Zugehende Arbeit (Straßensozialarbeit, mobile Sozialarbeit, Randgruppenarbeit).

Es ging dabei u.a. um die Erhöhung der Erreichbarkeit und die Abschaffung einer reinen Kommstruktur in der Sozialen Arbeit, indem Einrichtungen oder BeraterInnen und HelferInnen nicht an der Zentrale aufgesucht werden müssen, sondern vor Ort anzutreffen sind. Das ist besonders für Menschen wichtig, deren Mobilität eingeschränkt ist (alte Menschen, behinderte Menschen, Menschen, die sich die Fahrtkosten nicht leisten können, Mütter mit mehreren Kindern und Kleinkindern).

Von großer Bedeutung ist seit der Umsetzung der Lebensweltorientierung und der bewussten Einbindung des Lebens- und Sozialraumes in die Arbeit mit der Klientel der Wissenshintergrund der SozialarbeiterIn über diesen Sozialraum. Deshalb sind z.B. folgende Kenntnisse über den Stadtteil wichtig: Eine SozialarbieterIn, die in einem Bezirk Einzelfallarbeit macht, sollte wissen, welche Ärzte es im Stadtteil gibt. Sie sollte die Schulen kennen und möglichst viele der LehrerInnen. Das gleiche gilt z.B. für die Kindertagesstätten und für Plätze, wo Kinder spielen können, für Ecken, wo Jugendliche „abhängen“ und für Gelegenheiten formeller aber auch informeller Kommunikation zwischen Bewohnern. Es kann z.B. auch von Bedeutung sein, den Takt des im Bezirk vorhandenen öffentlichen Verkehrsmittels zu kennen usf.

Von großer Bedeutung ist seit der Umsetzung der Lebensweltorientierung und der bewussten Einbindung des Lebens- und Sozialraumes der Wissenshintergrund der SozialarbeiterIn über den jeweiligen Sozialraum.

 

Jugendhilfeplanung

Auch für die Jugendhilfeplanung wurde der Sozialraum herangezogen und im Sinne sozialpädagogischer Konzepte umgesetzt. Von den Indikatoren eines Stadtteils lässt sich in der Sozial- und Jugendhilfeplanung der Bedarf an Unterstützung ablesen und zwar sowohl im qualitativen wie im quantitativen Sinn (s. Wiesbadener Sozialatlas 1992). Dies war weit mehr als das, was heute im Rahmen der Sozialraumplanungen berücksichtigt wird und außerdem weit entfernt davon, in Sozialräumen spezifische Budgets festzuschreiben oder gar zu deckeln.

Absicht und Ergebnis waren vielmehr: Dort, wo durch gesellschaftliche Bedingungen mehr Unterstützungsbedarf entstanden war und wo sich dieser Unterstützungsbedarf in Sozialindikatoren abbildete

(Anzahl der kinderreichen Familien, Anzahl der SozialhilfeempfängerInnen, Anzahl der Hilfen zur Erziehung im Stadtteil usw.) wurde quantitativ wie qualitativ mehr und intensivere Kinder- und Jugendhilfe geleistet.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Lebenswelt- und Lebensraumorientierung in der Zeit des Sozialstaates insgesamt eine bedeutende Rolle gespielt hat.

Heute wird großen Teilen der Einzelfallarbeit durchaus zu Recht ihre Lebensweltlichkeit abgesprochen, was angesichts der neoliberalen Entwicklungen der letzten 20 Jahre durchaus nicht verwundert. Ein wesentlicher

Grund für das sich immer weiter Entfernen der Einzelfallarbeit von lebensweltlichen Prinzipien ist u.E. die Tatsache, dass die dafür erforderlichen Spielräume und Zeitkontingente und genauso die sozialräumliche Angebotsstruktur eingeschränkt, zurückgedrängt und oft gar nicht mehr zur Verfügung gestellt wurden.

 

Quartiersmanagement

Mit der sich seit 1990 ausbreitenden Neoliberalisierung sozialarbeiterischer Konzepte wurde die Gemeinwesenarbeit vom Quartiersmanagement (z.B. „Projekt Soziale Stadt“) abgelöst, das darauf angelegt ist, das Gemeinwesen von Seiten der Verwaltung und Politik aus zu steuern (vgl. Schreier 2014).

Weit mehr als in den so genannten „Regenschirmprojekten“ geht es jetzt um geplante Organisation. Und weit mehr als in der früheren Stadtteilsozialarbeit Hintes wird heute die Kommune im Quartiersmanagement selber aktiv und sieht sich nicht als Partner der Sozialen Arbeit, sondern eher als ihre direkte „Einsatzzentrale“.

Es handelt sich um eine „Top-Down- Strategie“ (vgl. Schreier 2011; vgl. auch v. Kietzell 2002).

Im Unterschied zur Gemeinwesenarbeit geht es nicht mehr um Aktivierung der Menschen in ihrem eigenen Interesse, sondern bestenfalls um die Mitwirkung der Bürger an formalen Prozessen. Die früher praktizierte Gemeinwesenarbeit, so stellt Schreier fest, denkt von den geäußerten Bedürfnissen der Bewohner her, von

ihren Stärken, ihrer Bereitschaft, sich zu engagieren und sich Vorhaben zuzutrauen.

„Quartiersmanagement dagegen konzipiert die Entwicklung eines Stadtteils insgesamt von seinem Bedarf her“ (Schreier 2011, a.a.O.). Schreier moniert: „Der Bezugspunkt von GWA ist nicht primär der ‚benachteiligte‘

oder ‚problematische‘ Stadtteil – vielmehr geht es um die Menschen, um das Zusammenleben in der Gesellschaft“.

Im „Leitfaden zur Ausgestaltung der Gemeinschaftsinitiative Soziale Stadt“ klingen Erinnerungen an die Gemeinwesenarbeit an, wenn davon die Rede ist, „das eigenständige Stadtteilleben wieder aufzubauen“, oder „die Bewohner zu motivieren, in Initiativen und Vereinen mitzuwirken“, oder „den sozialen Verbund wieder herzustellen“ (ARGEBAU 2000, 5). Man könnte meinen, hier bekäme das alte Gemeinwesenkonzept endlich seine lang erwartete öffentliche und offizielle Anerkennung. So stellt z.B. Schwarz (1995) fest, „inzwischen habe die Gemeinwesenarbeit (…) auch hierzulande wieder Hochkonjunktur und habe einen Teil seiner früheren Popularität und Attraktivität zurückgewonnen“.

Das Quartiersmanagement ist bei genauerer Betrachtung jedoch kein sozialarbeiterisches Konzept, sondern hat seine Anfänge im Rahmen der Städtebauförderung. Tatsächlich spielt das wertschätzende Vertrauen in Menschen, das zum fachlichen Konzept der Gemeinwesenarbeit dazugehört, hier keine Rolle mehr. An Stelle des Vertrauens tritt gezieltes Management. Quartiersmanagement ist ein Steuerungselement für die Stadtentwicklung und entspringt, wie Schreier feststellt, „unmittelbar den Prinzipien neoliberaler, aktivierender Sozialpolitik“.

Besonders problematisch ist, dass das Quartiersmanagement die gesellschaftlichen Problemlagen verschleiert. „Wer soziale Problemlagen managen will, der entpolitisiert sie“, bemerkt Schreier. Mit der Orientierung auf „Problemstadtteile“ geht nach Schreier das Quartiersmanagement von zwei Thesen aus:

Zum einen hätten die von Armut und Ausgrenzung Betroffenen diverse Defizite, die sie an der Teilhabe hindern. Zum zweiten könne jeder aber selbst verhindern, dass er aus der sozialen Hängematte herausfällt.

Schreier warnt: „Der Weg zu individuellen Schuldzuschreibungen, zur Entsolidarisierung und auch zum Sozialrassismus ist nicht weit, wenn der verbreiteten Annahme, die Menschen müssten nur irgendetwas an ihrem

Lebensstil oder an ihren Qualifikationen ändern, um aus Perspektivlosigkeit, Prekariat oder Armut herauszufinden“ nachgegeben wird.

 

Der soziale Nahraum als Lösung für soziale Probleme

Eine große Rolle spielen im Rahmen neoliberaler Projekte sozialraumorientierter Arbeit das Engagement von Ehrenamtlichen und die Ressourcen des sozialen Nahraumes. Dabei wird heute versucht, durch den Einsatz von Ehrenamtlichen und Betroffenen selbst, die Problemlagen in der Binnenstruktur des Gemeinwesens zu lösen (vgl. z.B. Böhnisch/Schröer 2008; Seithe 2011). Politische Forderungen an die Politik oder Verwaltung, also

nach außen, sind verpönt. Denn gesellschaftliche Ursachen von Problemen der Menschen werden bestenfalls registriert, nicht aber angeprangert.

Es steht aus unserer Sicht nicht zur Debatte, ob es einen Sinn macht, die Ressourcen und Lösungsmöglichkeiten des sozialen Nahraumes in die Arbeit einzubeziehen und die Aktivität und Hilfebereitschaft des sozialen Netzes

anzuregen.

Kritisch wird es aber da, wo Lösungen im sozialen Nahraum dazu benutzt werden, erforderliche professionelle Lösungsnotwendigkeiten auf diesen abzuschieben und zwar nicht nur den Lösungsprozess, sondern auch die Beschaffung der zur Lösung erforderlichen personellen und materiellen Ressourcen. Man kann zu dem Eindruck gelangen, dass es beim Hinweis auf die gesellschaftlichen Hintergründe von Problemlagen verbunden mit dem

Verweis auf den sozialen Nahraum darum geht, deutlich zu machen, wie überflüssig professionelle Soziale Arbeit und damit auch ambulante Hilfe zur Erziehung sei. Außerdem wird – trotz gegenteiliger Behauptung – von den gesellschaftlichen Hintergründen der Problemlagen abgelenkt.

Diese werden – wenn schon nicht dem Einzelnen selbst – so doch wenigstens dem familiären und nachbarschaftlichen Nahraum zur Lösung in Eigenverantwortung zugeschoben und ihnen als zu erbringende Schuld aufgebürdet. Verantwortung von Politik und wirtschaftlichem System für die Lösung gesellschaftlicher Problemlagen werden auf diese Weise verschleiert und zurückgewiesen (vgl. z.B. Seithe 2011). So sehr im neoliberalen Verständnis der direkte soziale Nahraum als sozial helfender Funktionsträger und als Ort gemeinschaftlicher Unterstützung herausgestellt wird, so wenig interessieren hier die eigentlichen gesellschaftlichen Strukturen und Bedingungen als Verursacher von prekären und entwürdigenden Lebenslagen.

Das alles bedeutet nicht, dass z.B. jede systemische Familienarbeit, jede Einbeziehung von Freunden und Verwandten des sozialen Umfeldes, dass jeder Versuch, das konkrete soziale Feld einer KlientIn zu aktivieren etc., fachlich grundsätzlich nicht zu vertreten seien. Nicht in der Arbeitsmethodik (z.B. der Einbeziehung des konkreten sozialen Umfeldes in die Fallarbeit wie im Ansatz „Familienrat“), sondern in der dahinterliegenden Absicht liegt das entscheidende Moment.

Wie immer, wenn Politik und Verwaltung bemüht sind, lebensweltliche Arbeit in den Dienst der Aktivierungs- und Sparpolitik hineinzuzwängen, kommt es schnell dazu, dass lebensweltliche Arbeitsansätze missbraucht

werden. So ist die Absicht von Politik und Verwaltung bei der Ausweitung ehrenamtlicher Tätigkeit ausschlaggebend: Werden Ehrenamt und der Ansatz im sozialen Nahraum als die fachliche Arbeit ergänzende Elemente angesehen oder dienen sie im Sinne des öffentlichen Managerialismus nur als Ersatz für professionelle Arbeit und ermöglichen somit den Rückzug des Staates aus der Verantwortung für seine sozialstaatlichen Aufgaben?

Außerdem besteht die Gefahr, dass fachlich gut überlegte und methodisch lebensweltorientierte Ansätze, die das soziale Umfeld intensiv in die Hilfe einbeziehen, nicht nur im oben beschriebenen Sinne missbraucht werden

können, sondern dass sie selbst verkürzt, formalisiert, sozialpädagogisch entstellt in den derzeitigen Jugendhilfebetrieb eingepasst werden. VertreterInnen des neuen methodischen Ansatzes „Familienrat“ erzählen von ihrer Erfahrung, dass auch diese fachlich interessante Handlungsmöglichkeit in den Mühlen der Jugendämter und der freien Träger der Jugendhilfe kaputt reglementiert und an die bestehende verkürzte Praxis angepasst wird (Bandow/Kubisch-Piesk/Schlitzo-Jahnke 2012, 43). Sie würden sich deshalb wünschen, dass diese Methode nicht über die Jugendhilfe, sondern über „BürgerkoordinatorInnen“ (ein Modell, das den früheren GemeinwesenarbeiterInnen ähnelt) zur Verfügung gestellt und durchgeführt würde. Es geht ihnen bei dieser Überlegung darum, „dass der Familienrat nicht mehr im Kontext der wirtschaftlichen Interessen der Jugendhilfe- und der Kostenträger angeboten wird“. Denn in dem Kontext öffentlicher Jugendhilfe droht, so sehen es die erfahrenen SozialarbeiterInnen, offensichtlich jede lebensweltliche Absicht unterzugehen.

 

Neue Orientierung an der Tradition der „communitiy organisation“

Heute gibt es unter kritischen SozialarbeiterInnen, die nach alternativen Methoden und Ansätzen zur gegenwärtigen neoliberal geprägten Sozialarbeit im Kontext Gemeinwesenarbeit suchen, die Tendenz, sich wieder auf die Tradition der „communitiy organisation“ zu besinnen. Ihre Absicht ist es, sich in Anlehnung an die „alten“ Konzepte auf die Veränderung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse zu orientieren, die Unterstützung sozial benachteiligter Menschen zu forcieren und sich auf die von der Basis der Betroffenen her

gedachte Gemeinwesenarbeit zu besinnen (vgl. z.B. Rothschuh 2010).

 

 

Die „Sozialraumorientierung“

Die Prinzipien der Lebensweltorientierung konnten sich unter den Bedingungen der Verbetriebswirtschaftlichung Sozialer Arbeit bis heute weitgehend nur als formale Hülsen erhalten. Der Begriff „Lebensweltorientierung“ steht zwar nach wie vor in jeder Konzeption. Was er bedeutet, ist in der Praxis

jedoch zunehmend unbekannt oder wird nur oberflächlich begriffen. Es war nicht nur der immer wieder in der Sozialen Arbeit aufflackernde „Psychoboom“, sondern vor allem auch die Neue Steuerung, die die Lebensweltorientierung in der Praxis hat „austrocknen“ lassen. Über die Kürzungspolitik und über inhaltliche, fachfremde Vorgaben im Rahmen der neoliberal gewendeten Sozialen Arbeit wurde die Umsetzung des Gemeinwesenprinzips (s. Boulet et al. 1982) in der „direkten Gemeinwesenarbeit“ selbst wie in der

Einzelfallarbeit immer mehr erschwert bis verunmöglicht. Der wachsende Wunsch der VertreterInnen einer konsequenten sozialräumlich verstandenen Lebensweltorientierung nach einer wirklichen „Renaissance“ der sozialräumlich orientierten Sozialen Arbeit und nach deren verstärktem Einfluss auf Theorie und Praxis ist unter diesen Bedingungen also durchaus nachvollziehbar.

Dieser Wunsch wird seit Jahren von dem Konzept der „Sozialraumorientierung“ (SRO) bedient, das an die alten Stadtteilsozialarbeits-Ansätze von Hinte (1993) anschließt, das aber gleichzeitig mit den eben dargestellten

neoliberalen Entwicklungen kompatibel ist und deshalb sehr interessant für eine Sozialpolitik, die händeringend nach Strategien zur Eindämmung der steigenden Kosten für die ambulanten Hilfen zur Erziehung sucht. Die SRO wurde zeitlich parallel zu dem zunächst schleichenden und später unaufhaltsamen

und offenen Einbruch der Ökonomisierung und der Ideologie des aktivierenden Staates entwickelt. Dabei hat sie sich zunehmend mit diesen sozialpolitischen Absichten und Tendenzen verknüpft.

Der Begriff der SRO wurde von der Politik aufgegriffen und als Andockmöglichkeit für eine finanzielle Steuerung gesehen und von daher intensiv von den Kommunen und den Verwaltungen gefördert. Der Begriff SRO ist somit zum einen ein fachlicher Konzeptbegriff und zum anderen beschreibt er das, was in den Kommunen heute praktiziert wird, als Hintergrundfolie für eine Umsteuerung dient und per Verfügung durchgesetzt wird.

Die VertreterInnen der Sozialraumorientierung haben diesen Prozess nicht nur geduldet, sie haben ihn gefördert und herbeigeführt. Das führte fachlich betrachtet zur Diskreditierung der „Arbeit in und mit dem Sozialraum“, wie sie in diesem Kapitel bisher vorgestellt wurde. Man kann in der gegenwärtigen Situation einer missbräuchlichen Nutzung der sozialräumlichen Ansätze kaum noch über die Bedeutung des Lebens- und Sozialraumes für die Soziale Arbeit sprechen, ohne selbst dadurch in den Verdacht zu geraten, neoliberale Tendenzen zu unterstützen.

In folgendem Abschnitt soll es deshalb zunächst um den fachlichen Ansatz der SRO gehen, wohl wissend, dass diese fachliche Seite letztlich nicht von ihrer konkreten politischen Verwendung getrennt werden kann.

 

Sozialraumorientierung als „neuer“ Fachbegriff

Wenn die Protagonisten der SRO zu Wort kommen, hat man den Eindruck, als sei all das, was sie in ihrem Konzept an Ideen, Strategien und Ansätzen bereithalten, neu erfunden und neu entwickelt. Wie oben gezeigt, gab es jedoch in den 70er und 80er Jahren bereits eine differenzierte und arbeitswirksame Umsetzung von Lebensweltorientierung, Gemeinwesenarbeit und dem Prinzip der Einbeziehung und Berücksichtigung von Lebens- und Sozialräumen in allen Feldern der Sozialen Arbeit. Die SRO beinhaltet so gesehen erst einmal nichts Neues.

 

Herkunft und Entstehung des Begriffes

Der Begriff „Sozialraumorientierung“ war kein Begriff des KJHG oder des 8. Jugendberichtes. Jedoch galt er lange als abgeleiteter Begriff aus der Lebensweltorientierung und schien so manchem in Zeiten der Psychologisierung und bedenkenlosen Individualisierung als ein politisch-fachliches Programm, ein Motto oder auch eine Kampfansage. Er knüpft an die Lebensweltorientierung und die dort entfalteten Inhalte sowie an deren begriffliche Beschreibung an. Er erscheint deshalb vielen als nahtlose Fort- und Umsetzung der Lebensweltorientierung und der Ziele z.B. des KJHG.

 

Wirkung des neuen Fachkonzeptes auf die Praxis

Obwohl hier von einem neuen Fachkonzept gesprochen wird – wenn auch von einem Fachkonzept, das vertraute Wurzeln in der Geschichte der Sozialen Arbeit habe – so scheint dennoch das Eindringen dieses Konzeptes in

Praxis oder Theorie zunächst nicht als Einschnitt erlebt worden zu sein. So deutlich schien für die meisten die Verbindung zur „guten alten Gemeinwesenarbeit“ und zu den vertrauten Perspektiven einer lebensweltlichen Orientierung.

Neu aber waren faktisch die eindeutige Verbindung des neuen „Sozialraumkonzeptes“ mit managerialistischen Elementen und damit die enge Verknüpfung mit der kommunalen Finanz- und Verwaltungspolitik.

Es verblüfft, wie leicht damals auch von kritischen Kräften in der Sozialen Arbeit z.B. die budgetierte Sozialraumfinanzierung in Kauf genommen wurde. Seit 1995 bis heute finden sich Konzept- und Arbeitsbeschreibungen, die sich auf Ansätze einer SRO berufen, in denen auf der einen Seite die Ziele und Chancen einer verstärkten Einbindung von Lebenswelt hervorgehoben werden, und in denen gleichzeitig mit den Interessen und klar formulierten Steuerungszielen und Sparabsichten der Politik und Verwaltung eine Verbindung eingegangen wird. Diese damalige „Naivität“ gegenüber den möglichen Folgen des Einzuges der Neuen Steuerung in eine lebensweltorientierte Soziale Arbeit entspricht verblüffend genau der heute bestehenden verharmlosenden Wahrnehmung der Ökonomisierung in der gegenwärtigen Sozialen Arbeit.

 

Problematisierung der Sozialraumorientierung

Erst seit wenigen Jahren zeichnet sich in der Literatur die Erkenntnis ab, dass es offenbar unterschiedliche und möglicherweise sogar im Widerspruch zu einander stehende Vorstellung von einer Sozialraumorientierung geben könnte (s.o.). Man kann diese allmähliche Bewusstwerdung von Teilen der Profession etwa anhand von Veröffentlichungen der Gewerkschaft ÖTV (bzw. später ver.di) verfolgen, die zu verschiedenen Zeitpunkten herausgegeben wurden: 1974 verfassten Autoren im Auftrag der ÖTV einen Artikel über die neue, Gemeinwesen orientierte Konzeption des ASD und lagen damit voll im Trend der Vorstellung der Neuorganisationsbewegung (vgl. Kap. 8.4.4).

1996 veröffentlichte die ÖTV den Text: „Soziale Dienste – Soziale Arbeit – Neuorganisation und Weiterentwicklung“. Hier werden konkrete Ansätze der Regionalisierung und Dezentralisierung vorgestellt und diskutiert. Unter anderem wird dargestellt, welchen Vorteil eine an den Bezirken einer Stadt ausgerichtete Struktur der Sozialen Dienste gegenüber einer am Alphabet orientierten Struktur hat. Ein Widerspruch wird nicht gesehen oder höchstens angedeutet. Überwiegend wird der Anspruch von Politik und Verwaltung, seine Finanzierung auf dieses Konzept einzustellen etc., als Chance und Unterstützung für eine lebensweltorientierte Soziale Arbeit im fachlichen Sinne gesehen.

Erst 2004 schließlich erscheint die Broschüre: „Sozialraumorientierung in Politik, Planung und Praxis in der Kinder- und Jugendhilfe“. Hier rechnet verdi nun, quasi „zu sich gekommen“, klar und deutlich mit dem „Sozialraum-Boom“ der letzten Jahre ab und bewertet diesen Ansatz eindeutig als neoliberale Umwandlung der lebensweltlichen Vorstellungen der fachlichen Sozialen Arbeit, die sowohl den beschäftigten SozialarbeiterInnen als auch der Klientel und der Fachlichkeit Schaden zufüge.

 

Die Sozialraumorientierung und ihre Grundprinzipien

Nach Früchtel und Budde geht es bei der SRO darum, „Lebenswelten zu gestalten und Arrangements zu kreieren, die leistungsberechtigten Menschen helfen, in prekären Lebenssituationen zurechtkommen und ihren Vorstellungen von einem gelingenden Alltag näher zu kommen. Es geht also in der SRO weniger darum Menschen zu verändern, sondern Lebensbedingungen so zu gestalten, dass Menschen dort entsprechend ihren Bedürfnissen zufrieden(er) leben können“ (2011, a.a.O.). Ziel der Protagonisten ist eine Soziale Arbeit, die die Problemlagen der Menschen nicht individualisiert, sondern im Kontext ihrer Lebenswelt, insbesondere im Kontext des unmittelbaren Lebensraumes im Stadtteil, begreift und bei der Lösungsfindung diese Ebene

vorzugsweise einbezieht.

 

Menschen in ihren Verhältnissen betrachten

Die von ihnen formulierten‚ „Grundprinzipien der SRO“ zeigen das Verständnis einer konsequent und inhaltlich durchdrungenen Lebensweltorientierung. Dies kommt in folgenden Zitaten zum Ausdruck: „Es geht also darum,

das Kernprinzip der Sozialen Arbeit ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ konsequent methodisch umsetzen. Fachkräfte müssen akzeptieren, dass sie die Mittel zur Bewältigung ihrer Aufgabe nicht ausschließlich selbst in der Hand haben,

sondern dazu die Betroffenen, ihre Netzwerke und engagierte Bürger benötigen“ (Früchtel/Budde2011, a.a.O.). Bei Hinte (2008, a.a.O.) werden diese Grundprinzipien besonders ausführlich erläutert. Auch bei Bestmann (2013b) lesen sie sich wie eine gelungene Beschreibungen der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit.

Die Autoren sprechen in ihren konzeptionellen, fachlichen Vorstellungen konsequent Aspekte der Lebensweltorientierung an. Es gehe darum, so Bestmann, Menschen in ihren Verhältnissen und nicht für sich isoliert zu sehen. Hinte formuliert (2008, a.a.O.): „Mit dem Ansatz der sozialraumorientierten Arbeit findet sich auf der Handlungsebene die These, dass die ‚individuelle Problematik in den ökologischen Kontext eingebettet

gesehen ‚wird‘“ (vgl. Hinte/Litges/Groppe 2003). Zugleich folgt nach Hinte dieser mehrdimensional-integrative Ansatz dem Leitparagraphen §1 des SGB VIII im Absatz (3) 4., der, wie bekannt, das Erhalten bzw. Erschaffen

positiver Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien als eine zentrale Aufgabe der Jugendhilfe ausweist (vgl. BMFSFJ 2000).

Viele der genannten Prinzipien, die von den Protagonisten der SRO hervorgehoben werden (Subjektorientierung, Koproduktion, Kooperation, Angebot zur Veränderung statt Durchsetzen von eigenen Veränderungswünschen der Fachkräfte, Ressourcennutzung und Ressourcenorientierung, Verweis auf die gesellschaftlichen Ursachen vieler Probleme und vor allem: Voranstellung des Prinzips der Hilfe zur Selbsthilfe) entsprechen voll und ganz der Konzeption der Lebensweltorientierung, wie sie z.B. von Thiersch (1998) formuliert, wie sie im Rahmen der Neuorganisationsversuche praktisch- organisatorisch umgesetzt und im 8. Jugendbericht wie im KJHG verbindlich für die Kinder- und Jugendhilfe formuliert wurden. So bringen die

Protagonisten der SRO wichtige Prinzipien der Lebensweltorientierung in Erinnerung und stehen für ihre Bedeutung. Diese sind aber in keiner Weise neu.

Und ebenso wenig ist eine Praxis neu, die dieser konsequenten Weise lebensweltorientiert vorgeht: So sind die

von Früchtel und Budde ausführlich beschriebenen „Highlights“ (Früchtel/Budde 2011, a.a.O.) einer SRO eigentlich Praxisbeispiele für eine kreative, umfassend lebensweltorientierte Gemeinwesenarbeit oder auch

Einzelfallarbeit, wie sie in Zeiten der Neuorganisation und der bewussten Aneignung der Lebensweltorientierung in den 70er und 80er Jahren üblich waren bzw. angestrebt wurden. Sie sind keineswegs erst durch eine SRO

möglich geworden. Vielmehr wurden sie ab den 90er Jahren durch die Neue Steuerung wieder zurückgedrängt und bestenfalls bürokratisiert. Betrachtet man aber den Ansatz der SRO, muss man – wie oben schon angedeutet feststellen, dass für solche Absichten und Vorstellungen gerade der Stadtteilansatz zu kurz greift. Die gesellschaftliche Lage der Menschen, die ökonomischen, politischen, sozialen Verhältnisse, denen sie ausgesetzt

sind, kommt nicht in den Blick. Man muss befürchten: Die zumindest immanent unterstellte Identität von Wohnraum und Lebenswelt führt geradezu von den gesellschaftlichen Verhältnissen und ihrer Bedeutung weg oder lenkt davon ab (vgl. hierzu Kessl/Reutlinger(2013).

Früchtel und Budde (2011) berichten vom Einwand der Autoren Otto und Ziegler (2004) gegen die Sozialraumorientierung, sie lenke in Wirklichkeit von materieller Verarmung und Segregation ab und sei alles andere als eine gesellschaftskritische Kraft. Das SRO-Paradigma, so geben die Autoren die Kritik von Otto und Ziegler wieder, fokussiere auf die „internen“ Leistungspotentiale von Adressaten und Stadtteilen und orientiere sich auf deren Lebenswelt und Gegebenheiten mit passgenauen Hilfen. Genau dadurch geriete eine Überwindung von gegebenen Lebensverhältnissen aus dem Blick, zu der immer auch externe materielle und politische Ressourcen notwendig seien.

So werde Benachteiligung quasi anerkannt statt problematisiert, der Staat aus der Verantwortung entlassen und die betroffenen Menschen in ihren benachteiligten Stadtteilen und Lebenswelten quasi eingeschlossen (vgl. Früchtel/Budde 2011, a.a.O.).

Die Autoren geben zunächst zu, dass diese Kritik ernst zu nehmen sei. Aber sie meinen, die SRO vor diesem berechtigten Vorwurf retten zu können, indem sie optimistisch ausführen, „dass Soziale Arbeit sich im Fall immer wieder an Faktoren abarbeite, die nicht im Fall entstehen, sondern strukturell bedingt sind und auf der Ebene kommunaler Sozialpolitik mit Strategien der Einmischung der Fachkräfte und durch politische Aktivierung von Betroffenen angegangen werden müssen“.

 

Unterstützung durch kritische WissenschaftlerInnen

Das Konzept der „Sozialraumorientierung“ wird auf fachlicher Seite nicht nur von den expliziten Vertreterinnen der SRO und ihren Bewunderern propagiert. Neben den klassischen VertreterInnen eines „Fachkonzeptes Sozialraumorientierung“ werden diese Vorstellungen auch von einer Reihe anderer WissenschaftlerInnen unterstützt, vornehmlich von solchen, die in der Individualisierung Sozialer Arbeit ein großes politisches Problem sehen und in der SRO eine Chance zu erkennen meinen, die Soziale Arbeit von ihrem chronischen

Individualisierungs- und Anpassungsdrang befreien zu können. Ihnen geht es um einen fachlichen, lebensweltorientierten und sich bewusst als politisch verstehenden Ansatz Sozialer Arbeit, den sie bedroht sehen. Sie versuchen zu beweisen, dass das lebensweltorientierte und politisch motivierte Anliegen, die Soziale Arbeit zu einer Instanz umzugestalten, die nicht individualisiert und anpasst, genau durch dieses Konzept der SRO gesichert werden könne (vgl. Kunstreich 2012, Bestmann 2013a). Dabei kommt es fataler Weise zu dem indirekten Schulterschluss dieser kritischen VertreterInnen der Disziplin Soziale Arbeit mit den sozialräumlich verbrämten Sparkonzepten der Regierungen und Verwaltungen.

 

Forcierung politisch genehmer Konzepte und Praktiken

Das Fachkonzept der Sozialraumorientierung stellt Ansätze und Methoden in den Vordergrund, die vor allem in Richtung Aktivierung und Selbstverantwortung gehen. Für sich gesehen entspricht das sehr wohl einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit. Gleichzeitig fällt die Häufung und vehemente Betonung ausschließlich solcher Aspekte auf. In Verbindung gesehen mit den immer wieder offen oder verdeckt ausgesprochenen Andeutungen, die Erziehungshilfe in ihren „alten Strukturen“ überflüssig machen zu wollen, wird deutlich, dass sich das Konzept der SRO durch die Hervorhebung gerade dieser Aspekte den herrschenden politischen Absichten sehr genehm macht. Im Einzelnen sind das folgende zwiespältig zu bewertende Punkte:

 

 .) die deutliche Betonung der Ressourcenorientierung, die nicht Defizite und Probleme im Blick hat, sondern auf das abzielt, was bereits vorhanden ist – was für die Politik eine hohe Attraktivität besitzt, weil es sie aus der Verantwortung nimmt,

 . ) die über alles gestellte Hilfe zur Selbsthilfe – die politisch instrumentalisiert werden kann, um insgesamt weniger Unterstützung leisten zu müssen und die Menschen auf ihre eigenen Kräfte zurückwerfen zu können,

 .) der Hinweis auf die Schule als Schlüsselort für Lösungen von Problemlagen Minderjähriger – der verheißt, dass aus Sicht der Politik möglicherweise keine neuen Investitionen erforderlich sein werden,

 .) die ablehnende Haltung gegenüber Beratung und Beziehungsarbeit, – die der Politik als zu teuer gelten, weil sie zur Realisierung vor allem Zeit brauchen und weil beide für eine steuerungs- und sparwillige Politik nicht transparent genug sind (im Unterschied z.B. zum Fallmanagement) und deshalb verdächtig erscheinen,

.) die Betonung der Bedeutung präventiver Arbeit – was die Hoffnung wecken kann, dass die Notwendigkeit für intervenierende Arbeit nicht mehr so häufig auftreten dürfte,

 .) das Setzen vor allem auf das „soziale Kapital“ – was die finanziellen und rechtlichen Ansprüche von Menschen im Vergleich dazu weniger wichtig erscheinen lässt, – was der Politik eine geeignete Begründungsvorlage liefern kann, wenn sie die Verantwortung an die Betroffenen zurückzugeben

möchte , um sich selbst der Verantwortung zu entziehen,

 .) das Setzen auf die Kräfte des sozialen Nahraumes und das entsprechende Engagement im sozialen Nahraum – was aus Sicht der Politik den Einsatz von professionellen Fachkräften überflüssig machen könnte oder

wenigstens den Vorwand liefern kann, ihn deutlich zu reduzieren,

 .) die vereinfachende und entpolitisierende Sicht auf die Problemlagen der hilfebedürftigen und leistungsberechtigten Menschen (vgl. hier Kap. 9.3.3) – welche zu einer verkürzten Problemdeutung und einer entsprechend deprofessionalisierten und deformierten Praxis der Sozialen Arbeit führt.

Die Liste ließe sich problemlos fortsetzen….

Indienstnahme des Konzeptes durch Politik und Verwaltung

Es soll an dieser Stelle keinesfalls behauptet werden, dass die Protagonisten der SRO eine solche Indienstnahme beabsichtigen. An verschiedenen Stellen verwahren sie sich explizit davor und distanzieren sich von solchen Vorstellungen (vgl. z.B. Bestmann 2013a; Früchtel/Budde 2011, a.a.O.). Aber es lässt sich nicht leugnen, dass die SRO als Konzept Sozialer Arbeit großes Interesse bei einem Staat und seinen Organen weckt, die Wege suchen, zu sparen und zu steuern:

Auf Seiten der Kommunen, Verwaltungen und der Sozialpolitik wurde dieses neue Fachkonzept von Anfang an mit Begeisterung und Durchsetzungswillen aufgegriffen. Im Unterschied zu den fachlichen VertreterInnen des Sozialraumkonzeptes wurde bei den Kommunen von Anfang an sehr direkt geäußert, dass es darum gehe, die teuren Hilfen zur Erziehung zurückzudrängen. Dabei schlägt man mit zum Teil unhaltbaren Vorwürfen gegenüber der Hilfe zur Erziehung um sich, so z.B. mit dem Argument der angeblichen Wirkungslosigkeit oder

dem Vorwurf, die betroffenen Eltern zu bedienen, statt Hilfe zur Selbsthilfe aufzubauen (vgl. Otto/Ziegler 2012, 17, 19). Dass die SRO dem Sparen dienen soll und zwar vor allem über den Weg, die Hilfe zur Erziehung durch

Diskreditierung, Erschwerung und sogar Verunmöglichung kalt zu stellen, wird gegenwärtig vor allem in Hamburg klar und unverblümt ausgesprochen.

Pörksen (2011) nimmt dabei kein Blatt vor den Mund: „Müssen wir uns damit abfinden, dass die Entwicklung einfach so ist, wie sie ist und wir mit zunehmenden sozialen Problemen ‚einfach‘ nur mehr Geld ins System geben müssen? Sind 10%ige Steigerungsraten pro Jahr ein Fakt, den wir hinzunehmen haben?“

So kommt man schnell zu klaren Forderungen für Hamburg:

„Besteht Hilfebedarf bei den Sorgeberechtigten, ist dieser grundsätzlich und vorrangig durch Verweisung in sozialräumliche Hilfsangebote oder Angebote der Familienförderung und der Elternbildung zu erbringen. Förmliche Hilfen zur Erziehung werden danach nur genehmigt, wenn im Einzelfall absehbar ist, dass sozialräumliche Hilfen keinen Erfolg versprechen oder bereits gescheitert sind. Die Hilfen sollen grundsätzlich nicht als Einzelmaßnahmen innerhalb der Familienwohnung stattfinden. Wenn Einzelmaßnahmen notwendig

sind, dann mit dem Ziel, auf ein Gruppenangebot hin zu wirken bzw. die Voraussetzungen hierfür zu schaffen und in die Regelsysteme zu integrieren“ (BASFI 2011, a.a.O.).

Diese Anordnung wird seit 2 Jahren in der Praxis umgesetzt.

So gesehen hat die SRO tatsächlich eine massive, vielleicht von den Protagonisten gar nicht gewollte politische Wirkung, die, statt der Durchsetzung des lebensweltlichen Konzeptes zu entsprechen, eher dazu geeignet ist, Soziale Arbeit zu deprofessionalisieren und zu einer verkümmerten Dienstleistung neoliberaler Politik umzufunktionieren. Aber ein Einspruch der Protagonisten der SRO gegen eine solche Indienstnahme bleibt aus. Man begnügt sich mit der Feststellung: „Das, was als gute sozialräumliche Praxis gilt, wird nicht überall dort praktiziert, wo man SRO reklamiert“ (Früchtel/Budde 2011, a.a.O.).

Durch die Koppelung der SRO mit den Umsteuerungsansätzen und - absichten erhält die SRO tatsächlich aktuell eine enorme politische Bedeutung, leider aber nicht im Sinne der von ihr konzeptionell angestrebten Richtung,

sondern als Mitträgerin einer hochproblematischen Entwicklung.

Denn das, was in der Praxis aus der SRO gemacht wird, ist ein Spar- und Steuerungskonzept, dem man die edlen lebensweltorientierten Absichten mitnichten ansehen kann. Es ist erstarrt zu bürokratischen Vorgaben zur Dokumentation, zu standardisierten Abläufen, zu einengenden Finanzierungskonzepten und zu einer verkümmerten und teils sinnentstellten Fachlichkeit.

 

Die real existierende Sozialraumorientierung

Wie „Sozialraumorientierung“ sich in heutiger Praxis gestaltet, hat mit den lebensweltorientierten Vorstellungen der Protagonisten nicht mehr viel zu tun. Was in der Praxis existiert und von KlientInnen und PraktikerInnen faktisch erlebt wird, sind Steuerungselemente, durchsetzt und verquickt mit entfremdeten Rudimenten einer lebensweltorientierten Arbeit. Das Konzept wird zum Vehikel der Umsteuerung.

Die Praxis der Kinder- und Jugendhilfe ist durch folgende Veränderungen, Merkmale und Vorstellungen gekennzeichnet:

Man erwartet von einer Ausweitung von Gruppenangeboten im Stadtteil (Sozialraum) direkte Auswirkungen auf die Situation in der Erziehungshilfe.

Man verspricht sich von dieser Art der Sozialraumorientierung, dass mehr präventive Arbeit gelingen und man außerdem Synergieeffekte erwirken könne (z.B. eine Müttergruppe mit 10 alleinerziehenden Frauen statt 10 Einzelfällen), was dann eine Reduzierung der ambulanten Erziehungshilfen (der „kostenintensiven Hilfen“, wie es im Amtsjargon heißt) rechtfertigen würde.

Man verspricht, stadtteilbezogene Angebote für Kinder, Jugendliche, Mütter, alte Menschen usw. auszubauen, was auf den ersten Blick positiv klingt. Da gerade solche Angebote über einen langen Zeitraum hinweg abgebaut worden sind (z.B. Schließung und Personalabbau in Jugendzentren), ist dieser Schritt erforderlich, aber es ist unangebracht, ihn als besondere Leistung zu feiern. Zumal die neu dafür vorgesehenen Gelder nicht einmal im Ansatz ausreichen, um die Infrastruktur so wieder herzustellen, wie sie noch vor 10 Jahren aussah.

 

 

Die Schilderung der Protagonisten, was Soziale Arbeit im Kontext eines sozialräumlichen Ansatzes bedeutet, wirkt wie eine lyrische Schilderung des Idealfalls von lebensweltorientierter Sozialer Arbeit, die weit weg ist von neoliberalen Absichten und neoliberalen Vorstellungen der Produktion von Humankapital.

Es wird weder gesehen, dass es Verwaltung und Politik selbst waren, die eine fachlich angemessene und auch eine einem lebensweltlichen Ansatz gerecht werdende Arbeit bisher verhindert haben. Ebenso wenig wird zur Kenntnis genommen, dass diese dafür verantwortlich sind, in welchem Umfang in den letzten Jahrzehnten die Angebote und Ressourcen in den Wohngebieten drastisch zurückgefahren wurden. Seit der Jugendministerkonferenz in Mainz im Dezember 2014 gibt es grünes Licht für die weitere, flächendeckende Umsetzung der sozialräumlichen Konzepte in den Jugendämter und es besteht die Absicht, diese auch finanziell massiv zu fördern – sozusagen auf Kosten, nämlich aus dem „Topf“ der ambulanten Hilfe zur Erziehung.

In der Phase zwischen 1970 und 1990, in der die Etablierung der Lebensweltorientierung gerade auch in der Einzelfallarbeit Thema der Profession war, stand sie wesentlich mehr im Interesse und erhielt durch die Einbeziehung in dieses Konzept eine deutlich stärkere Akzeptanz auch innerhalb der Disziplin. Wir haben bereits ausführlich beschrieben, wie das Prinzip der Sozialräumlichkeit als Teil der Lebensweltorientierung auf die konkrete Einzelfallarbeit und auf die Struktur und Praxis der ambulanten Hilfen zur Erziehung Einfluss gewannen. Heute wird eher bezweifelt, dass ambulante Hilfe zur Erziehung lebensweltorientiert gestaltet wird.

Soziale Arbeit ist immer an den konkreten Umgang mit Menschen gebunden, auch dann, wenn es um gesellschaftlich verursachte Probleme geht. Der Umgang mit Menschen aber hat immer auch mit Psychologie und Pädagogik zu tun. Soziale Arbeit braucht deshalb neben der Soziologie auch die Grundlagenwissenschaften, die den Umgang mit Menschen im Konkreten und Persönlichen thematisieren und wissenschaftlich stützen können – ohne dass sie sich selbst dabei aufgeben muss und anfangen müsste, sich als Nebenschauplatz z.B.

von Psychotherapie zu verstehen oder sich von den disziplinären Vorstellungen der Grundlagenwissenschaft Psychologie dominieren zu lassen.

Die Hilfe zur Erziehung wird heute durch ein politisch verordnetes Konzept der SRO zurückgedrängt, mit dem man meint, Lösungsansätze verfolgen zu können, die kostengünstiger sind.

Mit großer Sorge wird konstatiert, dass man offenbar längst Möglichkeiten gefunden hat, wie man das Problem mit dem Rechtsanspruch im KJHG lösen kann: Der individuelle Rechtsanspruch auf Hilfe zur Erziehung wird nicht infrage gestellt, aber wie er ausgefüllt wird, so z.B. Hammer, das soll jetzt anders geregelt werden (s. Hammer 2011, 456).

Zwar ist im § 27 KJHG von der Notwendigkeit die Rede, Hilfen individuell zu gestalten, aber es muss befürchtet werden, dass der Verweis auf dieses Gesetz – das auch schon heute offen oder verstohlen bei Politikern, Verwaltungsleuten, aber durchaus auch bei WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen ein mitleidiges Lächeln auf die Lippen zaubert – in den nächsten Jahren noch weniger helfen wird.

 

Vom Case Work bis zur Lebensweltorientierung

Das Case Work ist die älteste Form der sozialen Beratung und Einzelfallarbeit.

Es entstand in den Anfängen des 20. Jahrhunderts in den USA. Der mit Mary Richmond (1922) in Verbindung zu bringende Ansatz der Einzelfallarbeit vertrat ein ganzheitliches Konzept, „bei dem Beziehungsarbeit und

Sach- bzw. Zielorientierung, Diagnose und Intervention, Umwelt- und Personenbezug untrennbar in einander greifen“ (Reimann 2012, 58).

Der Case Work Ansatz setzt „bei den tatsächlich individuell vorhandenen Kompetenzen und Zugangsmöglichkeiten an und strebt die reale Mündigkeit der Klienten und Klientinnen als Ziel an“. Im Case Work stellte „die Beziehung zwischen Betreuungsperson und betreuter Person das tragende Element der Hilfe dar“ (Reichmann 2012, 57). Obwohl auch auf Umweltfaktoren geachtet wurde, war das Case Work stark von psychologischem und psychoanalytischem Denken geprägt.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde die deutsche Fürsorgetradition mit diesem Case Work-Ansatz konfrontiert (vgl. C.W. Müller 1992), welcher für die MitarbeiterInnen der Fürsorge völlig neue Vorgehensweisen und eine andere, eher subjektorientierte Sicht auf die Klientel mit sich brachte. Diese neue Orientierung auf das beratende, persönliche Gespräch faszinierte, aber es war in der Fürsorgearbeit der Nachkriegszeit nicht wirklich einsetzbar. Beide Ansätze existierten und wirkten einige Zeit nebeneinander, zum Teil ohne sich zu berühren oder zu beeinflussen.

In den 68er Jahren wurde nicht nur die bisherige eher patriarchalische Fürsorgepraxis, sondern explizit auch das Case Work heftig kritisiert. Man warf ihm vor allem vor, durch eine Konzentration auf Personen und nicht auf

Lebensbedingungen, die Gesellschaft von der Notwendigkeit struktureller Problemlösungen zu entlasten. Reichmann konstatiert: „In Deutschland wurde die Methode der Fallarbeit in den 70er und 80er Jahren teilweise

auf der Basis einer unvollständigen und tendenziösen Rezeption des ursprünglichen Konzeptes Richmonds kritisiert. (…) Ihr Beziehungsansatz wurde als die Persönlichkeitsgrenzen überschreitend verurteilt. (…) Am

individuellen Ansatz der Fallarbeit wurde bemängelt, die Verantwortung für die Lösung sozialer Probleme werde allein bei den Individuen gesehen. (…) Strukturelle und gesellschaftliche Problemursachen dagegen würden demgegenüber unterschätzt“ (Reichmann 2012, 58). Aus dieser Zeit stammt die bis heute anhaltende Skepsis gegenüber der Einzelfallarbeit, weil diese sich stark psychologisch und auch psychologisierend darstellte. Damals richtete sich die ganze Aufmerksamkeit gesellschaftskritischer und politisch engagierter SozialarbeitsvertreterInnen auf die Gemeinwesenarbeit und man überließ die Einzelfallhilfe den Strömungen der Zeit.

Mit den 80er Jahren setzte sich zunächst innerhalb der Jugendhilfe der bis heute nicht wirklich abgeklungene „Psychoboom“ durch. Jetzt wurden auch von SozialarbeiterInnen die Erreichung psychotherapeutischer Abschlüsse angestrebt, weil man sich zum einen davon mehr Prestige und Anerkennung erhoffte, und zum anderen meinte, mit den Methoden und Vorgehensweisen der Psychotherapie auch in der Sozialen Arbeit erfolgreich sein zu können. Es wurden methodische Anleihen bei fast allen psychotherapeutischen Methoden

gemacht. Besonders zu nennen ist die systemische Familienberatung, ein Ableger der systemischen Familientherapie und die klientenzentrierte Beratung, die auf die klientenzentrierte Psychotherapie nach Rogers zurück geht (vgl. Rogers 1994).

Diese Anleihen der Sozialen Arbeit in der Psychotherapie führten bei kritischen Vertreterinnen der Profession, die auf eine sozialwissenschaftlich ausgerichtete Soziale Arbeit bedacht waren, zu einer großen Skepsis gegenüber den Hilfen zur Erziehung und gegenüber dem Einzelfallansatz generell (vgl. Peters 1990). Man misstraute diesem Herangehen und befürchtete, dass dabei die spezifischen sozialarbeiterischen Möglichkeiten

und Anforderungen unberücksichtigt bleiben und Chancen für die KlientInnen verschenkt werden würden (vgl. Seithe 2008).

In der Zeit vor der Adaption der lebensweltorientierten Konzeption in der Sozialen Arbeit (vgl. z.B. Thiersch 1986, 1989) und vor allem vor der Verabschiedung des KJHG war eine subjektorientierte Einzelfallarbeit am ehesten im Rahmen der Erziehungsberatung üblich. Die Erziehungsberatung (§ 28 KJHG) verfügte nicht über Jugendhilfewurzeln im eigentlichen Sinne, sah sich selbst lange in der Tradition tiefenpsychologischer und klientenzentrierter psychologischer Ansätze. Sie arbeitete anders als die im Rahmen der Jugendhilfe lange Jahre übliche Fürsorge und hatte eher einen partizipativen und auf persönliche Belange eingehenden, allerdings auch einen weitgehend therapeutischen Arbeitsansatz.

Erst mit der Einführung der Lebensweltorientierung als leitende Handlungsmaxime, also etwa im letzten Jahrzehnt vor der Verabschiedung des KJHG wurden Partizipation und Subjektorientierung auch in der Sozialen

Arbeit und insbesondere in der ambulanten Hilfe zur Erziehung zum Zeichen von Professionalität gesehen. Ab dieser Zeit kann man von subjektorientierter Einzelfallarbeit sprechen. Der individuelle Zugang zur KlientIn, der für die Sozialform „Einzelfallarbeit“ generell spezifisch ist, wird im lebensweltlichen Verständnis von Einzelfallarbeit durch das Prinzip der Subjektorientierung konkretisiert.

Versuche, eine eigenständige, sozialpädagogische Beratung zu etablieren, waren durchaus vorhanden (vgl. z.B. die Aussagen über Sozialpädagogische Beratung bei Galuske 2011 oder Böhnisch et al. 2005). Aber sie beschränkten sich meist darauf, deutlich zu machen, wie diese eigenständige, sozialpädagogische Beratung sich vom therapeutischen Herangehen zu unterscheiden habe. Die meisten Ansätze blieben, was das konkrete Handeln betraf, im Allgemeinen und Unbestimmten stecken. Man machte sich nicht die Mühe, aus sozialpädagogischer Sicht aktiv auf das Thema Beratung zuzugehen und auch unmittelbar handlungsrelevante Vorstellungen zu entwickeln. Vielmehr überließ man auch dass dann wieder den Protagonisten der therapeutischen Ansätze, die ihre methodischen Konzepte nach ihren Vorstellungen auf die Soziale Arbeit zu übertrugen (vgl. Sander/Ziebertz 2006; Straumann 2000; Sieckendieck et al. 2002; Weinberger 2012).

 

Kein Wunder also, dass sich SozialarbeiterInnen in dieser Zeit – bescheiden und ohne Stolz auf ihre eigentliche Profession – eher für „kleine PsychologInnen“ hielten als für „große SozialarbeiterInnen“.

Sie verstanden es nicht, sich Aspekte und Methoden aus therapeutischen Feldern zu eigen zu machen, ohne dabei ihre sozialarbeiterische Fachlichkeit aufzugeben. Vielmehr verloren sie sich in den „fremden“ therapeutischen Ansätzen, die vor allem nach der Lösung von „Schlüsselproblemen“ im psychologischen Sinne suchen und die nicht zunächst die Bewältigung des Alltags mit seinen persönlichen, aber ebenso sozialen Komponenten im Auge haben.

Tatsächlich hatte die Erziehungsberatung darüber hinaus den Anspruch, diejenigen Erwachsenen und Kinder, die im Rahmen der von Krankenkassen zugelassener psychotherapeutischer Behandlung oft nicht zum Zuge kommen, mit psychotherapeutischen Mitteln zu begleiten.

Denn solche Familien zeigen oft sozial auffälliges Verhalten und werden deshalb bei Psychotherapeuten gerne als prognostisch ungünstige Fälle abgedrängt.

 

Ambulante Hilfen zur Erziehung in der Zeit von 1980 bis 2000

Die Ambulantisierung der Erziehungshilfen wurde im Rahmen der Lebensweltorientierung der Sozialen Arbeit entwickelt und „entdeckt“. Vorher hatte die Ambulantisierung in der Psychiatrie eine große Rolle gespielt (Psychiatrie- Enquete 1975). Im Rahmen der Hilfen zur Erziehung gibt es seit Verabschiedung des KJHG (1990) ambulante Hilfen, also einen expliziten Einzelfall- Hilfeansatz, der direkt auf einzelne Personen oder Familien zielt, die sich nicht in Einrichtungen befinden, sondern in ihren eigenen Lebensräumen leben. Dies sind die Hilfen nach den §§ 28, 29, 30, 31, 35 und zum Teil 35a KJHG.

In einem langen, mehrere Jahrzehnte währenden Zeitraum (etwa von 1970 bis 1990), in dem über ein neues Kinder- und Jugendhilfegesetz als Nachfolger des Jugendwohlfahrtsgesetzes (JWG) diskutiert wurde, hatten sich in der Praxis allmählich und mit Berufung auf die §§ 5,6 JWG, neue Hilfeformen entwickelt, die die Familien stärker in den Fokus rückten und die sich bemühten, im Lebensraum der Betroffenen zu helfen und ihnen nicht ohne Not die bestehende Lebenswelt zu entfremden oder sie zu zerstören. Zu dieser Entwicklung trug die – inzwischen zur fachlichen Selbstverständlichkeit erklärte – Lebensweltorientierung mit ihrer Orientierung u.a. auf soziale Räume entscheidend bei. Eine wichtige Rolle spielte auch die damals neue Erkenntnis, dass „Gemeinwesenarbeit“ nicht nur eine Methode oder Sozialform der Sozialen Arbeit sei, sondern vielmehr und gleichzeitig auch als eines ihrer grundsätzlichen Handlungsprinzipien zu gelten habe (vgl. Bouletet al 1982; s. Kap. 8.3.3).

Es entstanden in dieser Zeit die Sozialpädagogische Familienhilfe, die Sozialpädagogische Tagesgruppe, Wohngruppen im Rahmen der Fremdplatzierung, Kinderdörfer oder auch ambulante Einzelbetreuung von Jugendlichen bzw. Kindern (vgl. Kap. 8.4.4). Das Konzept der Erziehungsbeistandschaft, dass nach JWG § 60 mit weit über hundert KlientInnen eine ähnliche Struktur besaß wie heute noch die „Betreuung“, sollte nun zu einem Ansatz weiterentwickelt werden, der es erlaubte, in diesem Rahmen wirklich sozialpädagogisch tätig zu werden.

Mit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz wurden dann alle diese zum Teil schon seit Jahren praktizierten Hilfearten gesetzlich verankert und fanden ihren Platz im Gesetz hinter dem allgemeinen Paragraphen

§27 KJHG, der die Hilfen zu Erziehung in ihren Grundzügen beschreibt.

Im KJHG werden diese ambulanten Erziehungshilfen (§§ 28, 29, 30, 31, 32, 35) auch inhaltlich beschrieben. Sie gehen in ihrer Intention über die Existenzsicherung und die Verteilung von Ressourcen hinaus und nehmen

den Einzelnen in seiner Persönlichkeit wahr. Ein wichtiges Merkmal der ambulanten Hilfen ist es, dass mit den KlientInnen kommuniziert und sie in ihrer Lebensbewältigung unterstützt werden (vgl. Münder et al. 2013).

Diese Entwicklung blieb auch damals nicht ohne KritikerInnen: Kunstreich (1990) machte 1990 den Sozialpädagogischen Familienhilfen den Vorwurf, sie seien den „neuen materiellen Sorgen der Betroffenen nicht gewachsen“. Wie in den 70er Jahren nahm er Bezug auf das Case Work und unterstellte, dass Einzelfallarbeit ausschließlich auf der psychologischen Ebene der Problemlagen verharre und z.B. materielle Problemlagen nicht Thema einer Einzelfallarbeit sein könnten.

Seit Geltung des Kinder- und Jugendhilfe Gesetzes haben sich die ambulanten Hilfen zur Erziehung unterschiedlich stark und unterschiedlich professionell entwickelt. „Die ambulanten Jugendhilfeangebote Erziehungsbeistandschaft und Sozialpädagogische Familienhilfe verzeichneten nach der Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes gleichermaßen hohe Zuwachsraten“ (Reimann 2012, 39). Dabei entwickelte sich die Sozialpädagogische Familienhilfe nach Aussage von Reimann von einem in den früheren Jahren überwiegend ehrenamtlich oder durch Honorarkräfte belegten Tätigkeitsfeld zu einem professionalisierten, strukturierten und anerkannten Bereich der Jugendhilfe. Im Unterschied dazu war eine vergleichbare Entwicklung der ambulanten Einzelbetreuung (§ 30 KJHG) ausgeblieben.

Für diesen Tätigkeitsbereich entstanden nach Reimann keine spezifischen Mindestqualitätsstandards und Strukturvorgaben. Häufig wurden Honorarkräfte und ungeschulte Personen von den Jugendämtern für diese Aufgabe eingesetzt. „Das mangelnde Methoden- und Wirkungswissen führte dazu, dass die Hilfe für beinahe jede Problematik, jedes Alter und bei beliebiger Problemintensität eingesetzt wird“.

 

Entwicklung lebensweltlicher Strategien der Einzelfallarbeit

Oben wurde wiederholt die Aussage gemacht, dass die Einzelfallarbeit nur einen vergleichsweise geringen Diskurs ausgelöst habe, was ihre fachlichen Prozesse und Bedingungen betrifft. Trotzdem hat es im Rahmen der explizit auch die Einzelfallarbeit betreffenden Etablierung der Lebensweltorientierung durchaus fachliche Konzepte und methodische Ansätze gegeben, die sich der Gestaltung der Einzelfallarbeit widmeten.

Im Folgenden möchten wir einige fachliche Ansätze aufzeigen, die sich in diesem Kontext im Rahmen der Betrachtung von Einzelfallarbeit entwickelt und etabliert haben.

 

Vorrang effizienzorientierter und steuerbarer Methoden

Eine große Rolle spielt seit Jahren auch in der Erziehungshilfe das Case Management bzw. das Fallmanagement. Das Case Management ist einerseits durchaus auch als sozialpädagogische Methode einsetzbar und lässt sich mit

den Anforderungen der Lebensweltorientierung vereinbaren (vgl. z.B. Herriger 2002).

So ist es beispielsweise möglich, subjektorientiert und partizipativ im Rahmen dieser Methode zu arbeiten. Andererseits ist das Case Management besonders transparent und stark strukturiert. Damit aber kommt es der neoliberalen Vorstellung sehr entgegen, die eine planbare, steuerbare, durchschaubare Soziale Arbeit favorisiert und z.B. statt eine Ergebnisoffenheit zu dulden, die Ziele der Sozialen Arbeit diktieren möchte. Hier liegen die Gründe, die einen Missbrauch dieser Methode attraktiv und möglich gemacht haben. So wurde das Fallmanagement, eingeführt zunächst bei den Jobcentern der ARGE, immer mehr zu einer auch innerhalb der Jugendhilfe anerkannten und akzeptierten, ja favorisierten Methode. Selbst den sozialpädagogischen

FamilienhelferInnen wird heute die Aufgabe des Fallmanagements zugedacht, ganz zu schweigen vom Allgemeinen Sozialen Dienst. Zweck des Fallmanagements ist das Vermitteln und Weiterleiten von Hilfen

und Unterstützungsmöglichkeiten und das Festlegen der Gegenleistung der KlientInnen im Sinne von Handlungsverpflichtungen. Beziehungsarbeit ist nicht vorgesehen und im Sinne neoliberalen Denkens und Handelns auch nicht erwünscht.

Beim Fallmanagement stehen Zweck und Nutzen, sowie das Element der funktionalen Anpassung im Vordergrund, nicht die Entwicklung und das Wachsen der Menschen.

Das über allem stehende Ziel der Selbstverantwortung der Menschen wird nicht im Sinne des sozialpädagogischen Empowerment verstanden, sondern zur alleinigen Verantwortung des Einzelnen für seine Problemlage umdefiniert.

Wenn man sich ansieht, wie das Konstrukt „Hilfeplanung“ im KJHG definiert und verstanden wurde und es vergleicht mit der gegenwärtigen Praxis, so kann man feststellen, dass Hilfeplanung heute meistens nur noch ein Planungs-, Steuerungs- und Dokumentationsinstrument ist, dass für die KlientInnen eine eher fremdbestimmte Konnotation hat (vgl. Schefold 2003).

Aus neoliberaler Sicht erscheinen die subjektorientierten, ambulanten Hilfen zur Erziehung sowie die meisten Beratungsmethoden als ungeeignet und unerwünscht: Sie sind zu langwierig und damit zu teuer. Sie sind nicht kontrollierbar und nicht durchschaubar. Die Erfolge lassen sich nicht so leicht quantifizieren und auch nicht formal bestimmen. Außerdem gehen sie von einem Menschenbild aus, das nicht zu den Absichten und Zielen des neoliberalen Konzeptes passt.

Die Betrachtung und Behandlung des Menschen als Subjekt, der Respekt vor seinem Eigensinn, die Einbeziehung der gesamten Persönlichkeit in die Arbeit und die Berücksichtigung der gesellschaftlichen

Hintergründe der subjektiven Problemlagen, all das sind Handlungsmerkmale von Einzelfallarbeit, die für das neoliberale Konzept nicht nur nicht brauchbar sind, sondern auch den eigenen Absichten widersprechen.

Von den Beratungsansätzen erfreut sich am ehesten noch die „lösungsorientierte Beratung“ (vgl. Bamberger 2001) einer gewissen Akzeptanz. Auch sie verspricht schnelle Bearbeitung und konkrete Lösungen kalkulierbare Prozesse. Sie fragt nicht nach Ursachen und Zusammenhängen der bestehenden Probleme.

Gesellschaftliche Ursachen bleiben automatisch auf der Strecke.

Fallmanagement als Prototyp der neoliberalen Einzelfallarbeit

Die hier beschriebene neoliberalisierte Einzelfallarbeit steht unter ganz anderen Vorzeichen als die Einzelfallarbeit im sozialpädagogischen Verständnis.

Hier werden Veränderungen verordnet, d.h., Bemühungen des Adressaten, die von ihm erwarteten Veränderungen zu erreichen, werden von vornherein verlangt. Wenn sie ausbleiben wird sanktioniert, getadelt, gedroht. Fallmanagement macht vor der Kinder- und Jugendhilfe nicht halt.

Inzwischen nennen sich so manche MitarbeiterInnen des ASD ohne Bedenken FallmanagerInnen.

Auch in der ambulanten Hilfe zur Erziehung hat sich ein entsprechendes Verständnis vor allem bei freien Trägern breit gemacht.

 

Fallbeispiel

Familienhilfe als Fallmanagement:

Fall Franziska:

Die Familienhelferin des Falls Franziska betrachtete ihre Arbeit als Fallmanagement. So wurde sie von ihrem Träger angewiesen und auch das Jugendamt ist vor allem daran interessiert, dass möglichst rasch geklärt wird, ob es gelingen kann, dass Franziska ihre Erziehungspflichten angemessen erfüllt.

Der Hilfeplan hat eine Reihe von Zielen und Teilzielen in diesem Kontext aufgelistet, die jetzt bei den Treffen bei Franziska zu Hause jedes Mal durchgegangen werden:

Gibt es Fortschritte? Wenn nein, warum nicht?

Hat Franziska die Auflagen erfüllt? Wenn nein, warum nicht?

Welche neuen Zwischenziele könnte man formulieren, damit es in Zukunft besser klappt?

Das Gespräch führt die Familienhelferin.

Franziska sitzt auf ihrem eigenen Küchenstuhl eingesunken dabei und versucht, ihre Wut und ihren Hass zu verstecken. Sie ist klug und bäumt sich äußerlich nicht auf, nickt alles ab, lässt Strafpredigten über sich ergehen und heuchelt Einsicht in der Hoffnung, dass diese Stunde schnell vorübergeht. Dass sie das alles mal unterschrieben hat, ist ihr lästig. Aber, so sagt sie später einmal, wenn sie eine Waschmaschine kauft, dann liest sie eben auch nicht all das Kleingedruckte.

Manchmal erfüllt sie sogar die Erwartungen der Familienhelferin, die sich dann auch darüber freut und „Na sehen Sie, es geht doch!“ sagt. Aber irgendwann macht Franziska die Tür nicht mehr auf. Und solange sie denen nichts zu meckern gibt, können die ihr auch nichts anhaben, denkt sie.

Wenn es um notwendige Verhaltensänderungen geht, so wird nicht Beratung, sondern ausschließlich Verhaltenstraining angeboten. Diese Methode der Verhaltensmodifikation kommt aus der Lerntheorie und ist als Verhaltenstherapie bekannt. Sie wird im Kontext des Fallmanagements nicht individuell gestaltet und nach den individuellen Strukturen ausgerichtet, sondern meist eher pauschal und standardisiert angewandt. Das Verhaltenstraining, das im Rahmen von Hartz IV angeboten und praktiziert wird, stützt sich auf ein

bloßes Training erwünschter Verhaltensweisen. Über Verstärkungslernen hinaus wird außerdem oft mit Sanktionen und damit auch mit der Tendenz zur Vermeidung von Sanktionen gearbeitet. Dieses Vorgehen ist seit langem in pädagogischen Kreisen verpönt und wird als „schwarze Pädagogik“ bezeichnet.

Auch in der heutigen, meist neoliberal geprägten Erziehungshilfe erfreuen sich seit geraumer Zeit Ansätze, die sich auf die Veränderung des Verhaltens durch bloße Verstärkung oder durch Vermeidung negativer Reize

Stützen. Solche Ansätze sind hoch im Kurs. Nach den Hintergründen von unerwünschtemVerhalten wird nicht gefragt. Es wird einfach geächtet und durch Gruppendruck unterbunden.

Im Rahmen der neoliberal geprägten Einzelfallarbeit werden die Problemlagen von Menschen also tatsächlich und in hohem Maße individualisiert, das heißt: Ursachen und die Verantwortung für eine mögliche Veränderung und ggf. die Schuld für das Fortbestehen der Problemlage werden dem Einzelnen zugeschrieben. Der Vorwurf der Individualisierung im Sinne einer Negation gesellschaftlicher Hintergründe und im Sinne einer Schuldzuweisung an den Betroffenen selbst, ist hier völlig angemessen.

 

 

Höch, 12.Nov. 2018                                                                                                                         Stefan Widakovich